DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM werke war mir nicht neu. Der Fürst war von An- fang an gegen eine Unterbringung seiner Sachen dort eingestellt, weil er noch immer hoffte, die Ge- nehmigung für einen Transport nach Vaduz durch- setzen zu können. Meine Bedenken hingegen wa- ren anderer Art. In den Bergwerken von Altaussee und Ischl, die klimatisch ausgezeichnet geeignet waren und für Bergungszwecke erstklassig eingerichtet worden waren, befand sich vor allem Raubgut des deut- schen Militärs. Dort waren alle die Bilder depo- niert, die Hitler für sein Linzer Museum47 auf mehr oder minder merkwürdige Art «erworben» hatte, dann viel von Juden beschlagnahmtes Gut, ferner Kunstgut, das aus den eroberten Gebieten mitge- nommen worden war und schliesslich das ganze Kunstgut, das man beim Rückzug aus Italien mitge- nommen hatte. Es schien mir sehr gefährlich, mit den Bildern des Fürsten in diese unsaubere Gesell- schaft zu gehen; denn es war natürlich, dass der Feind bei Eroberung des Gebietes das gesamte Kunstgut beschlagnahmen würde, und wer weiss, wie man dann wieder zu seinen Sachen käme. Kennzeichnend war ja auch der Umstand, dass es auch Dr. Dworschak ablehnte, seine Bilder im Altausseer Berg unterzubringen. Ich teilte diese meine Bedenken auch am 18. Mai den beiden Herren mit, die dagegen nichts We- sentliches vorbringen konnten, sie meinten aber, ich würde nie die Genehmigung bekommen, das Fürstliche Kunstgut nach Liechtenstein zu bringen, und so wäre das Salzbergwerk noch immer das Si- cherste. Ich äusserte auch meine Bedenken wegen einer Beschlagnahme der Bilder durch den Feind, doch wollte man mich mit dem Hinweis beruhigen, dass man die Bilder eines ausländischen Souveräns sicher gleich herausgeben würde. Als ich meine Zweifel äusserte, ob auch von den Russen ein sol- ches Vorgehen zu erwarten sei, meinten sie, die würden hoffentlich nicht bis Aussee kommen. Ich gewann bei dieser Besprechung den Ein- druck, dass die ganzen Leute um Schirach meinem Projekt sehr ablehnend gegenüberstünden, mit Ausnahme des Reichsleiters selbst. So besuchte ich am nächsten Tag den mir gut bekannten Direktor 
37) Das Bildnis der Ginevra da Benci von Leonardi da Vinci (floren- tinischer Maler, *1452 in Vinci; +1519 bei Amboise in Frankreich). 38) Die Anbetung der Heiligen Drei Könige von Hugo van der Goes (niederländischer Maler; tl482 bei Brüssel). 39) Das Männerbildnis des französischen Malers Jean Foucquet (*1420 in Tours; +1477 oder 1481 ebenda). 40) Quinten Massys. flämischer Maler (*1543 in Antwerpen; +1589 in Frankfurt a. M.). 41) Jan deCock (tl529). 42) Das kleine Bild von Hans Memling (niederländischer Maler, "1433; +1494 in Brügge). 43) Die kleine Landschaft von Jakob van Ruisdael (niederländischer Maler, *1628 in Haarlem; tl682 in Amsterdam). 44) Kembrandt, Harmensz van Rijn (*1606 in Leiden; +1669 in Amsterdam). 45) Haupt (1991), S. 129 und 274. DDr. Heribert Seiberl hatte sich für die Sicherung von Kunstgütern in Wien engagiert. So hatte er 1939 den (erfolgreichen) Antrag von Museumsdirektor Dworschak, in Wien eine zentrale Sammelstelle von (vornehmlich aus jüdischem Besitz stammendem) beschlagnahmtem Kunstgut zu errichten, aktiv unterstützt. Dieser Antrag war dann von der Wiener GESTAPO gutgeheissen worden. 46) Hermann Stuppäck (*1903; +1988) war seit 1942 nationalsozia- listischer Generalkulturreferent für die Museen. - Vgl. Haupt (1991), S. 164, sowie Haupt (1992), S. 620. 47) Das von Hitler geplante Museum in Linz sollte «alles bisher Dage- wesene an Inhalt, Grösse und Umfang übertreffen». - Vgl. Haupt (1991), S. 129. 19
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.