DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM blem, Holzwolle und Packmaterial nur mit sehr guten Beziehungen zu bekommen. Auch die Frage nach Benzin wurde immer brennender, und schliesslich musste man zu jeder Fahrt eine beson- dere Reiseerlaubnis besorgen. Die immer unsiche- rer werdende Lage Wiens und Österreichs durch die laufenden Misserfolge des Krieges zwangen dazu, den Umfang des zu bergenden Kunstgutes immer mehr auszudehnen, und so fasste ich auch das wertvollere Inventar der Wiener Palais ins Auge. Damit war die Notwendigkeit verbunden, neue Bergungsdepots aufzutreiben, als welche aus- ser Gaming nur die Fürstlichen Schlösser zur Ver- fügung standen. Im Herbst 1942 begann die entscheidende Wen- dung des Krieges. Die Katastrophe von Stalingrad im September, der alliierte Sieg bei El Alamein in Afrika, am 8. November die erste Landung der Westmächte in Afrika, und am 19. desselben Mo- nates begann die erste grosse russische Gegen- offensive als Folge von Stalingrad. Der Krieg be- gann nun näherzurücken, die alliierten Luftbasen und die Bombardierungen deutscher Städte nah- men immer grösseren Umfang an. Ende 1942 hatte ich bereits fünf örtlich vonein- ander getrennte Depots, nämlich Gaming, Felds- berg, Eisgrub, das Galeriepalais in Wien und das Schloss Liechtenstein bei Mödling. Am 1. November führte ich wieder Bilder nach Eisgrub, am 12. No- vember Urkunden nach Feldsberg. Besonders Eis- grub hatte ja unglaublich viel Raum für diese Zwecke, solange man nicht mit direktem Beschuss des Schlosses rechnen musste. Die Schwierigkeit in der Planung bestand hauptsächlich darin, dass man damals noch nicht wusste, von welcher Seite Deutschland erobert werden würde, ob von Westen oder Osten. Auch hoffte man noch immer, dass eine rechtzeitige Kapitulation der Deutschen das Land selbst, so wie im Ersten Weltkrieg, von Kriegshandlungen ver- schonen würde. Ein weiterer grosser Transport, der grosse Bilder, Möbel, Tapisserien, Handzeich- nungen, Teile der Haussammlung und die Brixner Globen32 enthielt, ging am 6. Jänner 1943 nach Eisgrub. Einige Besorgnisse bereitete damals die 
Befürchtung, dass durch eine eventuelle Sprengung der Frainer Talsperre das Schloss Eisgrub über- schwemmt werden könnte (eine ähnliche Kata- strophe hatte sich im Reich bereits ereignet). Be- rechnungen, die der fürstliche Bausachverständige Architekt Förster in Eisgrub anstellte, ergaben aber, dass in einem solchen Fall die Taya maximal einen Meter steigen würde, was das Schloss noch in keiner Weise berühren würde. Ein grosser Teil des Familienarchives wurde am 26. Juni in Eisgrub eingelagert und am 19. Juni in Feldsberg, weitere Transporte von Büchern gingen am 6. September nach Eisgrub und am 30. Oktober nach Feldsberg. Der zunehmende Bombenkrieg zwang in dieser Zeit dazu, das bereits des Inventars entblösste Stadtpalais [im 1. Wiener Stadtbezirk] nun auch noch des plastischen Innenschmuckes zu berau- ben. Diese schrittweise Abmontage der Paläste hat- te etwas äusserst Deprimierendes, ganz abgesehen von den grossen Mühen, die diese Arbeiten verur- sachten. In der Bankgasse wurden die grossen Sandsteinplastiken der Sala Terrena und des Stie- genhauses abgenommen und im Keller deponiert, ebenso die Puttengruppen von Giuliani33, in den Sälen wurden die grossen Bronzeluster demontiert. Hier sollte sich bald zeigen, wie wichtig diese Ar- beiten waren. Im Galeriepalais wurden die Plasti- ken der Sala Terrena in die Keller gebracht. Mit dem Mangel an Bergungsraum hatten nicht nur wir zu kämpfen. Im Herbst 1943 wandten sich mehrere staatliche Stellen an mich mit der Anfra- ge, ob ich ihre Bestände zur Bergung übernehmen 29) Auf eine neue Leinwand übertragen. 30) Die Speditionsfirma E. Bäuml führte auch Transporte für das Kunsthistorische Museum Wien durch, so im Winter 1944/45 den Transport von Kunstgegenständen ins Bergwerk nach Lauffen im Salzkammergut. - Vgl. Haupt (1991). S. 161. 31) Guido Reni: italienischer Maler (*1 575 in Calvenzano; tl642 in Bologna). 32) Bei den «Brixner Globen» handelt es sich um alte Weltkugeln aus dem 16. und 17. Jahrhundert. 33) Giovanni Giuliani (*1663; tl744): venezianischer Bildhauer, hauptsächlich in Wien tätig. 15
        

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