DIE MUNDART DES FÜRSTENTUMS LIECHTENSTEIN ROMAN BANZER kaum Überblick über die Gesamtheit der Liechten- steinischen Mundart. Wir wissen, dass im Rahmen dieser Dissertation nicht alles nachgeholt werden kann, was in der Vergangenheit versäumt wurde, hoffen aber, dass sich die nachfolgend demon- strierte Unwissenheit bezüglich des fürstlichen Nachbars etwas mildern lässt. «In Liechtenstein spricht man deutsch. Allerdings mit einem starken alemannischen Akzent, der sich an die Dialekte in Vorarlberg und St. Gallen lehnt. Aber: Das Schwei- zerdeutsch ist im Vormarsch. Die österreichischen Ausdrücke sterben langsam aus» (Vogel 1989). Der Untertitel beschränkt die Arbeit in ihrer Ausdehnung und verweist auf jene Punkte, die hier besonders interessieren: Sprachformengebrauch, Sprachwandel und Sprachvariation. Zuerst wird der Sprachformengebrauch behandelt, also der Ge- brauch der verschiedenen Varietäten in den unter- schiedlichen, situativ und sozial bedingten Sprech- situationen. Als zweites wird die Basismundart durch eine phonetische Inventarisierung und eine phonetisch-sprachgeographische Analyse3 darge- stellt. Auf diesen beiden Kapiteln aufbauend wird schliesslich die Lautvariation und der Lautwandel untersucht. Die Ausrichtung der vorliegenden Ar- beit ist auf Grund der Analysen des Primärmateri- als eindeutig eine praktische. Theorie und Praxis stehen deutlich in einem ungleichen Verhältnis. Trotzdem soll nachfolgend kurz festgehalten wer- den, welchem Verständnis von Sprache und wel- cher wissenschaftlichen Theorie die Untersuchung unterliegt. 1.4. THEORETISCHE VORBEMERKUNGEN Untersuchungsgegenstand ist der akustische, audi- tive Kanal, ausgeschlossen ist die nonverbale Kom- munikation. Die Analyse beschränkt sich auf die Darstellungsfunktion4 (referentiell) der Alltagsspra- che. Für diese Arbeit ist also die Sprache der Wis- senschaft, der Belletristik etc. nicht von Interesse. Ebensowenig beschäftigen wir uns mit Fachspra- chen oder mit geschriebener Sprache. Theoreti-scher 
Ausgangspunkt ist die Sprachsoziologie. Dar- unter wird in Anlehnung an Dittmar (1982, S. 20) eine empirische Disziplin zwischen Linguistik und Soziologie verstanden, die ihre Wurzeln deutlich in der Sprachwissenschaft hat. Genauer gesagt, es wird eine dialektsoziologische Arbeit erstellt. Im Gegensatz zur übergeordneten Sprachsoziologie befasst sich die Dialektsoziologie «mit solchen Va- rietäten, die unterhalb der Standardsprache ange- siedelt sind.» (Mattheier 1980, S. 15). Diese Theo- rie basiert auf der heute in der Sprachwissenschaft allgemein anerkannten Tatsache der Fleterogenität und Historizität der Sprache.5 Wir verstehen Spra- che als kommunikatives Miteinander-in-Bezie- hung-treten, sie ist einerseits ein Medium der In- formationsübermittlung und andererseits ein sozial integrierendes Instrument zwischen zwei oder mehreren Gesprächspartnern. Sprache ist soziale Interaktion, sie integriert oder schliesst aus. Durch sie kann Nähe und Kontakt oder eben Ferne und Kontaktlosigkeit gezeigt werden. Diese an sich tri- viale Feststellung unterscheidet sich in der Auffas- sung von der Sprache deutlich von jener der klassi- schen Dialektologie, wo weder die situative noch soziale Komponente der Sprache im Vordergrund stand. Aber eben diese Voraussetzungen implizie- ren die Sprachproduktion und damit auch den Sprachwandel und die -Variation als extralingui- stisch determiniert.6 Phonetische, morphologische, syntaktische, lexikalische und sprachformenbe- dingte Variation und Wandelvorgänge in Abhängig- keit von aussersprachlichen, sozialen und situati- ven Faktoren sind die Basis der Theorie der Varie- tätengrammatik, die dieser Arbeit zu Grunde liegt. «Ausgangspunkt des Konzeptes ist die Tatsache, dass eine natürliche Sprache nicht einheitlich ist, sondern unter anderem zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, in verschiedenen sozialen Schichten und in verschiedenen Kommunikations- situationen unterschiedliche Ausprägungen auf- weist. Diese unterschiedlichen Ausprägungen kann man auch als Varietäten ... bezeichnen. Man kann also eine natürliche Sprache als ein komplexes System von Varietäten betrachten, die miteinander in einer bestimmten Beziehung, einem Zusammen- 151
        

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