Hiermit einher gehen auch die Diskussionen um den Verlust der liechtensteinischen Dorfmundar- ten. Man beklagt den Untergang des eigenständi- gen Dialekts und verbindet dies mit der Aufgabe einer während Jahrhunderten gewachsenen kultu- rellen Eigenart. Man erinnert sich an beinahe in Vergessenheit geratene Worte, pflegt diese in einem zum Teil künstlichen Stil, und verbindet mit dem Verschwinden dieser althergebrachten Lexe- me, die meist aus dem bäuerlichen Umfeld stam- men, gleichbedeutend den Untergang der eigenen Mundart. «Unsere Leute kommen jetzt viel mehr mit dem Schriftdeutschen zusammen als früher. Es kommen heute viele Ausländer ins Land, mit denen muss man Schriftdeutsch sprechen, weil die mei- sten unseren Dialekt nicht verstehen können. Es gibt aber auch Leute, die meinen, es sei nobler, wenn man nur mehr Schriftdeutsch rede und die ungehobelte Bauernsprache gar nicht mehr ge- brauche. Diejenigen, die so denken, sind gottlob noch nicht zu zählen, aber es gibt schon einige sol- che. Die Hauptgefahr für unseren Dialekt kommt aber nicht von jener Seite, nein, die Hegt im lang- samen Abschleifen und Angleichen. Diejenigen Ausdrücke, die für den Fremden am schwersten verständlich sind, ersetzt man durch schriftdeut- sche Wörter und damit verliert der Dialekt mit der Zeit seine Eigenart und auch seinen Reiz» (Frick 1960, o. S.). Wie sind solche Aussagen zu werten? «Ist nun aber unsere Muttersprache wirklich bedroht durch die erschreckende Gleichgültigkeit, Verantwor- tungslosigkeit und Lieblosigkeit, mit der viele Zeit- genossen mir ihr umgehen? Es ist schwer, eine Entwicklung zu beurteilen, in der man mitten drin- steht. Immerhin lehrt uns die Geschichte der deut- schen Sprache recht deutlich, dass sich die Sprache stets gewandelt hat, dass es immer beim Wandel geblieben und nie zu dem Zerfall gekommen ist, den man ihr schon ungezählte Male voraussagte. Auch in früheren Zeiten hat es Verantwortungslo- sigkeit und Lieblosigkeit gegenüber der Sprache gegeben, Auswüchse und Wildwuchs in ihrer Ent- wicklung. Aber stets hat sie es verkraftet» (Schläp- fer 1987, S. 14). Dass die Mundart sich ändert, ist 
nicht zu bezweifeln, dass die Mundart in der heuti- gen Zeit Veränderungen durchmacht, wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr, ist offensichtlich. Aber was lebt, ist aus sich heraus Änderungen un- terworfen. 1.3. ZIELSETZUNG Wie steht es nun diesbezüglich um die Mundart des Fürstentums Liechtenstein? Die vorhegende Arbeit ist der Versuch, auf die Fragen des Sprachwandels und der Sprachvariation Antworten zu finden. Sie ist aber auch der Versuch, die wichtigsten Aspekte des jetzigen Sprachgebrauchs in wissenschaftlicher Form abzuhandeln und damit seit mehr als 60 Jah- ren - seit der Arbeit «Die Mundart von Südvor- arlberg und Liechtenstein» von Leo Jutz, 1925 - Neues zu erfahren. Es darf nicht verschwiegen werden, dass mit dem Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus (VALTS) ein Werk im Entstehen begriffen ist, das bezüglich Ausdehnung und Arbeitsaufwand dem hier Gebotenen weit überlegen ist. So ist es die vordringliche Aufgabe dieser Arbeit, sich mit jenen Themata zu beschäfti- gen, die im Sprachatlas nicht behandelt werden, welcher sich in seiner Anlage hauptsächlich mit sprachgeographischen Fragen der Grundmundart auseinanderzusetzen hat. Niemand kann im Moment sagen, was mit der Mundart Liechtensteins geschieht. Ändert sie sich wirklich? Gleichen sich die Dialekte der Dörfer un- tereinander immer mehr an? Ist es bald soweit, dass man einen Eschner von einem Vaduzer sprachlich nicht mehr unterschieden kann? Fra- gen, die einer Klärung harren. Während beispiels- weise in der Schweiz eine kaum überschaubare Menge an wissenschaftlichen Arbeiten über die verschiedensten Bereiche der Mundartforschung besteht, tut man sich für unser Land schwer, Fun- diertes aus der Forschung zu erfahren. Die bisher erschienenen Monographien beschränken sich in ihrer Anlage auf Einzelprobleme und geben somit 150
        

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