Am 13. Februar 1941 machte ich einen letzten Rundgang durch die Galerie. Wenn ich auch da- mals die Bergung nur als eine vorübergehende Massnahme ansah und nicht ahnte, dass es das Ende der Galerie in ihrer so einmaligen und kom- plexen Erscheinung bedeutete, so war mir doch gar nicht wohl dabei zumute und ich war sehr depri- miert. Ich ging zu dem Bild der «Himmelfahrt Ma- riens» von Peter Paul Rubens, welches damals noch in dem wunderschönen Raum der Galerie hing, und bat die Muttergottes um ihre Unterstüt- zung bei dem bevorstehenden Bildertransport. Tags darauf kam der Spediteur und wir began- nen mit dem Verpacken der Bilder für den Trans- port nach Gaming. Soweit es die Formate der Bil- der zuliessen, wurden die Rahmen mit Bauschen versehen und die Bilder in Kisten verpackt. Alle grösseren Formate erhielten nur Bauschen und wurden frei in die Möbelwagen gepackt. Die Be- schaffung von Treibstoff für die Autos war damals schon schwierig.25 Ich habe aber die Beförderung in Möbelwagen jener per Bahn vorgezogen, weil wir dadurch mehrfaches Umladen ersparten. Der erste Transport umfasste 164 Bilder der so- genannten ersten Garnitur, also das Wertvollste, was wir in der Galerie hatten. Wir trafen am 25. Fe- bruar in Gaming ein und lagerten in der Kirche und in der Prälatur ein. Als Bewacher unserer Sei- te blieb mein Mitarbeiter Rudolf Pössl in Gaming. Wieder in Wien angekommen, brachten wir weite- re Bilder im Stiegenraum des Archives unter, der sehr splittersicher im Kern des Gebäudes lag. Vom 8. bis 10. März richtete ich in Gaming die Bilder auf Stellagen ein, es stellte sich heraus, dass dort noch mehr Platz wäre, als ich gedacht hatte, und wir be- gannen am 19. März in Wien weitere Bilder zu ver- packen, welche schon am 26. März in Gaming ein- trafen. Es waren 232 Gemälde und die Tapisserien der Decius-Mus-Serie.26 Ende März 1941 war die Galerie völlig ausgeräumt, was nicht in Gaming war, befand sich in ebenerdigen Räumen sowie in den Kellerräumen des Galeriepalais. Gemessen an der Kriegslage war diese Bergung den Umständen entsprechend. Nach der Besiegung Frankreichs am 21. April 1940 hatte relative Ruhe 
geherrscht, bis Hitler Anfang August dieses Jahres die Luftschlacht über England begann, die sich ge- gen Anfang des Jahres 1941 immer ungünstiger entwickelte. Die Flugzeugverluste, welche die Deut- schen über England erlitten, waren nicht mehr gut zu machen, und die Schwäche der deutschen Luft- waffe, die wesentlich mitbeteiligt war an dem ver- lorenen Krieg, datiert von damals her. Für uns war massgebend, dass damals mit der Bombardierung der Städte begonnen wurde und dass über kurz oder lang die deutschen Städte die Vergeltung wür- den zu spüren bekommen. Wohl war für Wien und Umgebung die Gefahr noch nicht so gross, weil die Anflugstrecken für den Feind noch zu gross waren. Damals im März 1941 stand ja noch die Afrika- front, der Blitzsieg gegen Jugoslawien in der ersten Aprilhälfte 1941 schob die deutsche Front wieder weiter weg von unserer Heimat. Denn nur unter dem jeweiligen Stand der Kriegsführung sind die Bergungsmassnahmen zu beurteilen. Ende März 1941 überraschte Direktor Fritz Dworschak (vom Kunsthistorischen Museum in Wien) und mich die Nachricht, dass das deutsche Militär das Kloster Gaming als Lazarett bean- spruchte. Es gab viel Aufregung und Laufereien, Gutachten und Vorsprachen, aber schliesslich ge- lang es doch - wie es scheint, vor allem durch das Eintreten von Reichsleiter von Schirach27 -, diese Gefahr abzuwenden. Alle paar Wochen fuhr ich nach Gaming, um den Zustand der Bilder zu kon- trollieren, denn die Kirche war doch etwas feucht, und es bedurfte der ständigen Obsorge, um Scha- den abzuwenden.28 Da der hohe Kirchenraum von uns nicht geheizt werden konnte, spannten wir im Winter durch die ganze Kirche in zirka fünf Meter Höhe ein Velum und erzielten so ein sehr gutes Kli- ma. Schwieriger war es, im Sommer die Feuchtig- keit zu bekämpfen. Am 22. Juni 1941 erfolgte der Überfall Hitlers auf Russland, dem am 11. Dezember desselben Jahres die Kriegserklärung an die USA folgte, und das Unheil nahm seinen Lauf. Im September 1941 wurde das Schloss Liechtenstein bei Mödling in Niederösterreich vom Militär als Lazarett beschlag- nahmt. Um die recht schöne Biedermeier-Möblie- 12
        

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