DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM aptieren. Die Bilder der zweiten Garnitur wollte man nach Wartenstein (eine dem Fürsten gehörige Burg am Semmering in Niederösterreich) bringen. Damals dachte man ja lediglich daran, die Bilder gegen Bewurf des Gebäudes mit Brandbomben zu schützen, wodurch der Dachstuhl und eventuell der oberste Stock abbrennen können. Der Dachstuhl war allerdings feuersicher gestrichen, doch war man skeptisch, ob das gegen Brandbomben helfen würde. Mit Beginn September, als der Krieg ausbrach, deponierten wir die wertvollsten Bilder im Archiv- keller und in den Eisenkästen des Archives im Ga- leriepalais im 9. Wiener Bezirk. Plastik und Kunst- gewerbe wurden in jenen Kellern untergebracht, welche wegen ihrer grösseren Feuchtigkeit für Bil- der ungeeignet waren. Der Fürst war gegen eine Verbringung der Sachen in die Provinz gewesen. Noch vor Mitte September wurden in den Schlös- sern Feldsberg und Eisgrub16 die dort vorhandenen Porzellane in den Kellern deponiert. Die Bilder dort blieben vorderhand noch an Ort und Stelle. Am 14. September war Besprechung bei Dr. Ma- der, dem mir befreundeten Direktor der Wiener Gobelinmanufaktur, dessen gute Beziehungen zu den deutschen Parteistellen bekannt waren. Diese Beziehungen resultierten aus seinem Betrieb, der damals fast nur mehr für Staatsaufträge arbeitete. Ich bat ihn, zu untersuchen, ob und auf welche Weise es möglich wäre, die Fürstlichen Sammlun- gen in unserem Fürstentum zu bergen. Die Frage war delikat, weil das Haus Liechtenstein aus sehr vielfältigen Gründen den deutschen Machthabern verdächtig war und die Gefahr bestand, dass man einen von uns gestellten Antrag für eine Bergung in Liechtenstein als Ausdruck des Misstrauens in die Kriegsführung des Deutschen Reiches ausgelegt hätte. Mader sondierte damals an verschiedenen Orten, hatte aber keinerlei Erfolg. So war unter dem Eindruck des Kriegsausbru- ches Mitte September 1939 die Galerie ausgeräumt und in der Wiener Vorstadt [im Palais in der Ross- au] feuer- und splittersicher deponiert worden. Im Winter stellte sich dann heraus, dass die bezoge- nen Kellerräume doch nicht das geeignete Klima 
aufwiesen, das für die Bilder erforderlich ist. Man- gels des notwendigen Heizmaterials konnten wir auch die grossen Archivräume nicht heizen und so war die Feuchtigkeit bis gegen 90 Prozent gestie- gen. Da sich inzwischen die Kriegslage nach dem Sieg in Polen beruhigt hatte, ausserdem die Deut- sche Wehrmacht die Lage damals technisch in der Hand hatte, hoben wir am 4. Jänner 1940 die ge- samte Bergung auf und die Galerie wurde wieder eingeräumt und der Öffentlichkeit wieder zugäng- lich gemacht. Der Sommer 1940 hatte bewiesen, dass die Hoffnungen Hitlers, noch einen Frieden zu bekom- men, unberechtigt waren, da die Alliierten nun eine Zähigkeit und Entschlossenheit bewiesen, die, einige Jahre früher gezeigt, uns und sie vor der ganzen Katastrophe bewahrt hätte, der wir nun entgegeneilten. Ebenfalls noch im Sommer 1940 nahm ich mei- ne Bergungsbemühungen wieder auf. Der Fürst stand auf dem Standpunkt, es sei das Beste, das Schloss Feldsberg als grosses Depot auszubauen. Am 18. September 1940 hatte ich eine Bespre- chung im Kunsthistorischen Museum mit dem Ersten Direktor Dr. Fritz Dworschak17 und dem Kustos Dr. Ludwig von Baldass18, die mir damals 12) «Münchner Frieden»: deutsch-britische Nichtangriffserklärung zwischen Hitler und Lord Chamberlain in München am 29. Septem- ber 1938. Demzufolge sollte die damalige Tschechoslowakei die deutsch besiedelten Randgebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens räumen und an Deutschland abtreten. 13) Heute amtlich: Valtice; vgl. auch Ortsnamenliste am Schluss. 14) Heute amtlich: Sternberk; vgl. auch Ortsnamenliste am Schluss. 15) Ein Palais des Fürsten von Liechtenstein, in der Nähe des Galeriepalais gelegen. 16) Heute amtlich: Lednice: vgl. Ortsnamenliste am Schluss. 17) Haupt (1991), S. 125: Fritz Dworschak (*1890; +1974), Kustos des Wiener Münzkabinetts, wurde von den Nationalsozialisten als Kommissarischer Leiter des Kunsthistorischen Museums in Wien eingesetzt. 18) Zum Kunsthistoriker und späteren Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien. Univ. Prof. Ludwig Baldass (*1887; +1963) siehe: Haupt (1991), S. 106. 9
        

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