BRIEFE BRIEF VON THEODOR NIGG, 29. DEZEMBER 1879 Wir fanden in Gubuluwayo englische Kaufleute, welche sich unser annahmen und uns dem König sehr empfah­ len. Von einem deutschen Kaufmann, Herrn Griet, der nächstes Frühjahr wegziehen will, kaufte P. Superior ein schönes Haus mit Stallung und Garten. Da das Haus noch besetzt ist, so wohnen wir einstweilen in der Stallung, in einem mit Pflöcken abgesperrtem Raum, der uns zugleich als Kapelle, Wohn- und Speisezimmer dient, während unmittelbar daneben noch Pferde, Schafe und Hühner wohnen. Wir haben dem König seinen Wagen repariert; er ver­ sprach, uns dafür ein Stück Land zu geben; wann er das tun wird, weiss ich nicht. Er ist langsam, aber zuverläs­ sig, gutmütig und kaltblütig. Meldet man ihm, dass ein Schwarzer etwas gestohlen habe, so sagt er: «Warum habt ihr ihn nicht totgeschossen? Alle, die stehlen, sind Wölfe, und Wölfe schiesst man tot!» - Die Leute hier leben sehr einfach. Amabele, eine Art Korn und Hirse ist ihre Hauptnahrung. Ihre Kleidung beschränkt sich auf das Allernotdürftigste. Eines Tages kam der König auf Besuch und sah meine Nähmaschine. Als ich damit zu nähen anfing, war er über dieses Kunstwerk höchlich erstaunt. Er sagte jedoch nichts und ging. Als aber am Morgen Br. Hedeley in sei­ hen Wagenschuppen kam, um an seinem Wagen zu arbei­ ten, erschien der König sofort und verlangte den kurzen, dicken Mann mit der Maschine zu sehen. Was war zu :!tun? Wir schleppten die Maschine in sein Haus, das eine Viertelstunde weit weg war. Der König sass in seinem grossen Stuhl und erwartete uns mit Ungeduld. Als ich fragte, was ich ihm nähen sollte, verlangte er drei Pulver­ säcke. Obwohl er eben den europäischen Kaufleuten Au­ dienz zu erteilen begonnen hatte, musste sofort genäht werden. Ich schnitt ein paar Stück Linnen zurecht und setzte die Maschine in Bewegung. Der König'fing unwill­ kürlich mit seinen Füssen zu treten an, als wolle er selber nähen. Kaum war die erste Naht fertig, so wollte er sie se­ hen. «Oh wie schön!» rief er, «und wie schnell!» Alsbald rief er die angesehenste seiner Frauen herbei, um das Kunstwerk mitanzusehen. Sie kauerte vor die Ma­ schine hin und lachte aus vollem Halse, solange ich am Nähen war. Der König konnte sich vor Erstaunen immer noch nicht fassen. «Welch wunderbare Werke bringen doch die Engländer zustande», sagte er, «und doch müs­ sen sie sterben wie wir!» 
Als ich fertig war, wurden wir mit Braten und Bier traktiert. Das Bier wird aus Kaffernkorn bereitet und schmeckt säuerlich; es ist ziemlich dick und nahrhaft. Sonderbar ist's bei diesem Volk; sobald man etwas Auffal­ lendes tut, was sie noch nie gesehen haben, so heisst es gleich: das ist ein Hexenmeister, ein Zauberer, oder wie das in der Zulusprache heisst, ein «Omtagati». Die armen Leute stecken voller Aberglauben und wissen sehr wenig von Gott. Viele halten den König für einen Gott und glauben, dass er über Wetter und Regen verfüge. Sie rufen ihn deshalb, wenn sie an ihm vorüberkommen, mit verschiedenen Titeln an, wie «Grosser, starker König! König über Berge und Täler! Menschenfresser! Stärkster aller Ochsen!» u.s.w. Der König hat 32 Frauen, will aber ihre Zahl auf fünfzig bringen. Die Leute sind gelehrig und arbeiten ziemlich gern. Für eine Wolldecke, die etwa 10 Mark kostet, arbeitet ein Mann drei Monate, für ein Gewehr ein Jahr. Manche"er- leichtern sich aber die Sache, arbeiten erst eine Weile, rauben sich dann etwas und machen sich damit aus dem Staub. So hatten sich zwei Jungen auf ein Jahr verdingt, jeder für ein Gewehr; schon nach drei Wochen stahlen sie dem Br. Hedeley seine Flinte und zwei Wolldecken - und fort waren sie. Geld kennen die Leute nicht; aller Kauf und Verkauf wird mit Warenaustausch abgemacht. Für eine alte Flinte bekommt man eine Kuh mit ihrem Kalb, für vier Woll­ decken einen guten Ochsen, für eine Leinendecke ein Schaf, für eine halbe Elle Leinwand zwei bis drei Hühner. Bald wird ein grosses Fest - der sogenannte grosse Tanz - sein, wobei der König viele Ochsen schlachten und unter seine Leute verteilen lässt. Zum Tanz wird nicht musi­ ziert, sondern nur gesungen. Alle singen und tanzen zu­ gleich, fest im Takt, nach einem bestimmten Lied. Platz brauchen sie nicht viel, weil jeder auf demselben Platz auf- und niederhüpft und nur mit den Armen verschiede­ ne Bewegungen macht. Die Täler des Matabelenlandes sind schön und frucht­ bar, die Anhöhen dagegen kahl und dürr. Eine Stunde von Gubuluwayo haben sich zwei protestantische Missionäre prächtiges Land gekauft, worauf sie alle Sorten europäi­ scher Getreide und Früchte ziehen. Auch die Kartoffeln gedeihen sehr gut, und der Weinstock trägt jährlich zwei­ mal Trauben. Wir haben augenblicklich Regenzeit und häufig Gewitter. Die Hitze ist untertags oft sehr drückend, die Nächte jedoch sind immer kühl und angenehm. Die Häuser der Matabelen sind einstöckig, mit langem Gras bedeckt. Gott sei Dank!, sind wir alle wohl, der Br. de Veylder abgerechnet, der mit P. Terörde nach Kimberley zurück­ gereist ist. P. Cronenberghs ist fleissig am Zeichnen; selbst die protestantischen Missionare Hessen ihn kommen, um 110
        

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