LINGUISTISCHE ZUSAMMENHÄNGE Die Frage, weshalb einige Merkmale konstant und andere variabel sind, ist hier kaum zu beantwor- ten. Ebensowenig finden sich linguistische Gemein- samkeiten für alle Merkmale innerhalb der beiden Gruppen. Auf zwei Beobachtungen kann dennoch hingewiesen werden. MERKMAL-PAKETE Interessant zu sehen ist, dass bei den konstanten Merkmalen M 1 und M 6, die ja als Merkmalgrup- pen bezeichnet werden könnten, jeweils das ganze Paket konstant ist. Im Merkmal 1 vereinigen sich nicht weniger als fünf mittelhochdeutsche Vokale, und bei keinem sind Veränderungen feststellbar. Die mhd. Qualität ist bei allen erhalten, nirgends tritt die im Tal übliche Senkung auf. Dasselbe gilt für die drei Diphthonge, die unter M 6 zusammen- gefasst sind. Die Monophthonge der Talmundart sind nicht nach Triesenberg vorgedrungen. UMLAUT UND FLEXIONSENDUNG BEIM ADJEKTIV Bei den variablen Merkmalen findet sich ein inter- essanter Zusammenhang zwischen Merkmal 7 und Merkmal 14. Flektierte Adjektive im Fem. Sg. und Neutr. PI. bilden Umlaut. In prädikativer Stellung treffen somit Flexionsendung (M 14) und Umlaut (M 7) aufeinander.67 Die Korpusanalyse zeigt, dass Umlaut nur dann auftritt, wenn das prädikative Adjektiv flektiert wird. Der Umlaut verlangt die Flexionsendung, während die Umkehrung dieser Forderung nicht gilt, denn vorhandene Flexionsendung bewirkt nicht unbedingt Umlaut. Es gibt im Korpus zahlrei- che Belege, bei denen das Adjektiv flektiert wurde, ohne dass es einen Umlaut erhielt. Das Vorhanden- sein der Flexionsendung ist Bedingung für das Auf- treten des Umlautes. Der Umlaut muss aber nicht 
obligatorisch gebildet werden, wenn das prädikati- ve Adjektiv flektiert ist. Für den Sprachwandel bedeutet dies, dass der Wandel zu den endungslosen Adjektiven direkt das Verschwinden des Umlautes bewirkt. Im Korpus sind drei verschiedene Formen belegt, um bei- spielsweise zu sagen «Die Milch wird schnell sau- er» (Satz 14): Basismundart (belegt): [d milch würd schnall süüri] (Flexionsendung + Umlaut) Belegte Form: [d milch würd schnäll suuri] (nur Flexionsendung) Belegte Form: [d milch würd schnäll suur] (endungs- und umlautlos) Die Form mit Umlaut aber ohne Flexionsendung [d milch würd schnäll süür] ist nicht belegt und auch nicht möglich, denn Gabriel sagt explizit, dass Umlaut nur bei flektierten Adjektiven auftritt.68 Isoliert betrachtet, kann interpretiert werden, dass ein Wandel von Merkmal 14 automatisch den Wandel von Merkmal 7 mit sich bringt, da ohne Flexionsendung kein Umlaut möglich ist. Ein Wandel von Merkmal 7 würde hingegen noch nicht bedeuten, dass sich Merkmal 14 auch verändern muss, denn das Korpus zeigt viele Belege mit Flexi- onsendung, aber ohne Umlaut. Für die sprachliche Situation in Triesenberg legt das Korpus klar, dass die Wandelvorgänge von beiden Merkmalen aus- gehen. Von M 7, weil es flektierte Adjektive im Fem. Sg. und Neutr. PI. ohne Umlaut gibt: Beispiele von Informant Nr. 36: [d milch würd schnäll suuri] anstatt [süüri] (14) [d haar sind churtsi] anstatt [chürtsi] (38) Und ausgehend von M 14, weil es endungslose Ad- jektive in allen Genera und Numeri gibt: Beispiele von Informant Nr. 51: [d milch würd schnäll suur] anstatt [süüri] (14) [d haar sind churts] anstatt [chürtsi] (38) 46
        

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