Ursula Germann-Müller222 wendet das berühmte Pestalozzi-Zitat «Ich erkläre mich parteiisch für das Volk» auf Peter Kaiser an und unterstreicht da- mit seine demokratische Sicht, hebt dann aber, in- dem sie Pestalozzis Idealbild eines gütigen adligen Landesvaters in «Lienhard und Gertrud» er- wähnt,223 gerade hervor, dass die beiden Erzieher «sich nie auf Biegen und Brechen einer politischen, philosophischen oder pädagogischen Idee» ver- schrieben, sondern sich «je nach dem Kreis von Menschen, in dem sie wirkten», «gewandelt und angepasst» haben. «Beide waren sie dialogische Persönlichkeiten.»224 Ursula Germann zitiert aus einem Brief Kaisers vom 8. Dezember 1843, in wel- chem er die Persönlichkeit des 1842 verstorbenen Geistlichen Philipp Nabholz, mit dem Kaiser seit der Aarauer Zeit befreundet war, würdigt; die Wor- te zeigen, wie Kaiser andere und bestimmt auch sich selber gewichtet: «Äusserst bescheiden war Nabholz und anspruchslos. Nichts dankte er sich selbst, alles andern trefflichen und weisen Män- nern, die vor ihm und mit ihm gelebt, besonders Pestalozzi, den er vor allen hochhielt.» «Nie dräng- te er seine Ansichten auf, vielmehr liebte er den Widerspruch, der nicht sich, sondern die Wahrheit suchte.»225 Diese psychologisch-pädagogische Sicht, die Charakterisierung Kaisers als «dialogische Per- sönlichkeit», dürfte das redliche Bemühen der vier Historiker, Peter Kaiser einer Idee und Geistes- richtung unterzuordnen, etwas relativieren und so wieder deutlicher den Menschen ins Blickfeld rücken.226 Auch Peter Geiger hat den Menschen im Visier, wenn er in der Einleitung schreibt: «Er war eine demokratische Führungsgestalt, ohne eigene Macht zu suchen.»227 Auch aus diesem Grunde mag er ein «politisches Leichtgewicht»228 gewesen sein.229 Zu gleicher Abwägung der politischen und histo- rischen Qualitäten, wie sie aus den jüngsten Unter- suchungen spricht, gelangt Arthur Brunhart («Pe- ter Kaiser 1793-1864. Erzieher, Staatsbürger, Geschichtsschreiber»): «Zwar kann Peter Kaiser kaum als politischer Denker von überragender oder wirklicher Originalität - solche besass er als Historiograph - bezeichnet werden.»230 Brunharts Biographie fasst die Ergebnisse der Kaiser-For-schung 
zusammen, steuert aber auch bisher unbe- kanntes oder nicht untersuchtes Quellenmaterial bei und vertieft unser Wissen über Person231 und Werk des - so darf man ihn nach den intensiven Studien der letzten Jahre und Jahrzehnte ohne je- den vaterländischen Vorschuss nennen - grossen Liechtensteiners. Die in jeder Hinsicht gediegene, ja kunstvolle Gestaltung des Buches und der leicht lesbare Text verfolgen, über den wissenschaftli- chen Wert hinaus, ein weiteres Ziel: Peter Kaiser einem breiteren Publikum noch vertrauter zu ma- chen, als wirkliche und nicht nur «mythische»232 Person. Allgemein ist, wie schon festgestellt, in den letz- ten Untersuchungen die Tendenz der Versachli- chung und Eingrenzung spürbar. Selbst was Kaiser so lange und hartnäckig zum Vorwurf gemacht wurde, nämlich sein Demokratieverständnis, wird von Brunhart233 und Press234 eingeschränkt. «Der moderne Historiker, sozialgeschichtlich sensibili- siert, bemerkt, dass Kaiser eine oligarchisch struk- turierte Gesellschaft schildert und sie mit dem Volk gleichsetzt.»235 «Das liechtensteinische Volk ist also für ihn ein Volk der Hausväter und Eigentümer. Ganz offensichtlich, dass Knechte, Gesellen und Ta- gelöhner, von den Frauen ganz zu schweigen, nicht dazu gehören.»236 Peter Kaiser ist, trotz aller Fort- schrittlichkeit, an seine Zeit gebunden. Dass er des- wegen kein Demokrat sei,237 ist ein strenges Urteil, wenn wir bedenken, dass auch die französische Revolution bei der Befreiung des dritten Standes halt machte und wir Heutigen, Liechtensteiner wie Schweizer, noch immer in Fragen der Gleichbe- rechtigung von Frauen und Minderheiten der Un- terschicht uns schwer tun. Auch wenn in dieser «Geschichte von unten»238 die Untersten noch aus- geklammert sind, berührt sie doch «durchaus mo- derne Fragestellungen»239, indem sie nicht nur «politisch-militärisch» ausgerichtet ist, sondern am Schluss mancher Kapitel auch zur «rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Situation von Land und Leuten» Fakten sammelt und Aussa- gen macht.240 Moderne Züge wurden auch für Kaisers Lehr- tätigkeit festgestellt. Im Manuskript «Über die 214
        

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