PETER KAISER IM LICHTE DER NACHWELT JÖRG GERMANN Eine Wandlung, wie sie in den meisten Biogra- phien erkennbar ist, lässt sich bei Peter Kaiser unschwer nachweisen: Der Weg aus der schwär- merisch-stürmischen Jugendzeit in gefestigte, kon- trollierte und auch versöhnlichere Bahnen. Die Hetze der Schweizerischen Kirchenzeitung gegen den Liechtensteiner Pädagogen, die sich u.a. auf ein frivoles Gedicht150 des jungen Burschenschaf- ters stützt, verurteilt Iso Müller scharf. Gegen die «Keulenschläge»151 nimmt er Kaiser in Schutz, in- dem er auf dessen Wandlung hinweist und den Vorwurf «radikalen Geistes» für die Disentiser Zeit zurückweist. Von Kaisers Feinden sagt er: «Sie hetzten gegen ihn und nützten dazu auch seine auf- klärerische Vergangenheit nicht wenig aus.»152 Die oben zitierten und mit Büchels Korrekturen verglichenen Textstellen aus dem Geschichtswerk von 1847 machen nun allerdings deutlich, dass die aufklärerischen Ideen keineswegs der «Vergangen- heit» angehören. Eine Wandlung also zu überlegte- rem Urteil, aber keine grundsätzliche Abwendung von den Gedanken der Jugendzeit ist fassbar. Iso Müllers Postulat einer «Wende» entpuppt sich als liebevoller Versuch, die Persönlichkeit Kaisers der «katholischen Romantik» zu retten. Seinen ersten Kaiser-Artikel schliesst Iso Müller mit folgendem Überblick: «Wie so viele seiner Zeit beschrieb sein Leben einen langen geistigen Weg, dessen Statio- nen sehr verschiedenen Charakter hatten: in Frei- burg und Aarau erfasste ihn der kalte Hauch der Aufklärung; im klösterlichen Disentis fand er seine gläubige Familientradition ganz wieder und ent- deckte die christlich-rätische Kultur seiner Heimat. In Chur ... entfaltete er sein bestes Wirken im Dien- ste der Jugend und der Wissenschaft und als warm fühlender Katholik. Zwei grosse geistesgeschichtli- che Bewegungen kreuzen sich in seinem Leben: Aufklärung und Romantik. Über seine Biographie könnte man drei Namen schreiben: von Voltaire über Sailer zu Christus.»153 Voltaire als Ausgangspunkt: So weit ging der junge Kaiser nie, indem er zwar gegen die «Pfaf- fen», nie aber gegen die Kirche an sich wetterte. Christus als Ziel: Den Glauben an Christus hat Kai- ser nie verleugnet; Iso Müller selbst führt lobend 
eine Stelle aus dem kritisierten Aufsatz Hegelscher Prägung an: «Christus ist auch ihm ».154 Und Sailer: Er ist der Anreger zum «herrlichen Ideenschatz», der die «Perle unter den Kaiserschen Schriften»155 hervor- bringt: «Einige Worte über Erziehung und Unter- richt».156 Zwanzig Jahre später brachte Iso Müller auch an Bischof Sailer Zweifel an, indem seine Bemühungen, «gegen die zersetzende Aufklärung eine gemeinsame Front von Katholiken und Prote- stanten aufzubauen» auch «Gefahren in sich barg». «Es musste ja auffallen, dass gerade Schüler Sai- lers zum Protestantismus übertraten.» Dieser «ka- tholischen Aufklärung», welche «die Unterschiede der Konfessionen zurückdrängte», gehöre auch Kaiser an. «In dieser Hinsicht betätigte er sich be- sonders, nachdem er 1842 nach Chur übersiedelt war.»157 Die These von Kaisers Wende wird mit die- sen Sätzen bedeutend abgeschwächt, erscheint 143) Müller 1944, S. 73. Dass Kaisers Kritik an der römischen Kirche dem Einfluss von Hegels «pantheistischer» Geschichtsphilo- sophie entsprungen sei, ist allerdings fraglich. 144) Ebenda. 145) Ebenda, S. 73 f. 146) Ebenda. S. 88. 147) Ebenda. S. 81 f. 148) Müller 1964, S. 65. Eine Abschwächung liegt im Begriff «libe- ral», der kaum zur «katholischen Romantik» passt. 149) Müller 1971, S. 9. 150) Abgedruckt in: Allgäuer 1964, S. 55 f. 151) Müller 1964, S. 70. 152) Müller 1944, S. 84. 153) Ebenda, S. 91. 154) Ebenda. S. 74. 155) Ebenda, S. 80. 156) In: Programm der katholischen Kantonsschule zu Disentis 1839. Abgedruckt in: Allgäuer 1964, S. 57-61. Der kurze Text beginnt und endet mit je einem Zitat aus «Johann Michael Sailers Über Erziehung für Erzieher.» Paderborn, 1905. 157) Alle Zitate aus Müller 1964, S. 66. 203
        

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