kung: «So blieben die Sachen in kirchlichen Dingen auf dem alten Punkte: es waren aber Fragen zur Sprache gekommen, welche nicht aufhörten, die Köpfe der Gelehrten zu beschäftigen, und auch un- ter das gemeine Volk war etwas davon gedrun- gen.»116 Büchel konzipiert, wie gesagt, die ganze Passage völlig neu. Die Lehre von Hus stellt er sehr einseitig dar, indem er nur eine extreme Prädestinationsleh- re und die Ablehnung des Papstes als Oberhaupt der Kirche festhält. Er verschweigt, dass Hus ein si- cheres Geleit nach Konstanz zugesichert war. Und die «Standhaftigkeit» von Hus erklärt er mit Stolz und Trotz: «Hus war zu stolz dazu, seine Irrlehren zu widerrufen. Er blieb unbeugsam und trotzte dem Konzil, obwohl er in wohlwollender Weise von Prälaten und Laien, vom König Sigismund selbst zum Nachgeben ermahnt worden war.»117 Betont wird verschiedentlich, dass diese Irrlehre «Aufruhr und Zwiespalt», «blutige Gewalttaten», «Feuer und Schwert» über Böhmen und die umliegenden Län- der gebracht habe. «Das Elend, das Hus angerich- tet hatte, war unbeschreiblich.»118 Der Humanismus liefert den nächsten Grund für Büchels Eingreifen. Kaiser Seite 301: «Weil damals eine neue Art aufkam, die Studien zu betreiben und man auch anfing, die griechische und hebräische Sprache und die heilige Schrift zu studiren, so er- schien das Vielen bedenklich, zumal den Mönchen und Klosterherren, die von ihrer alten Studienart nicht lassen wollten und sie machten ein grosses Geschrei und verdächtigten die neuen Lehrer bei Papst und Kaiser. Aber das neue Geschlecht, zumal die jungen Gelehrten, ergriffen mit Begeisterung die neuen Studien.»119 Anstelle dieser Sätze ist in der zweiten Auflage zu lesen: «Die  an den Hochschulen warfen sich mit Feuereifer auf das Studium der heidnischen Klassiker, verachte- ten die Werke der kirchlichen Überlieferung und gerieten dadurch auf die schiefe Ebene, die viele zum Abfall führte.»120 Die Reformation wird nun weder von Kaiser noch von Büchel als «Irrlehre» oder «Ketzerei» be- zeichnet (das hängt wohl weniger mit ihrer Lehre als mit ihrem Erfolg zusammen). Der neutralen 
Darstellung von Luther und Zwingli schliesst sich Büchel, trotz einzelner markanter Retouchen121 vorerst an. Er lässt dann aber keine Möglichkeit ungenutzt, die Reformation zu belasten. Auffallend ist besonders, dass er an verschiedenen Stellen den Übertritt von Geistlichen und Laien mit deren welt- licher Verfallenheit begründet. Schon das obige Zi- tat über die Humanisten ist ein Beleg dafür. Dann wird eine Bemerkung Kaisers über den desolaten Zustand von Geistlichen für diesen Zweck umge- deutet. Kaiser: «Über die Unwissenheit und Sitten- losigkeit der Geistlichen klagte man damals über- all.»122 Büchel schreibt: «Unwissenheit und sittlicher Tiefstand mancher Geistlichen waren der Ausbreitung der Reformation sehr günstig.» Und fügt hinzu: «Manche Geistliche dieser Art fielen derselben zum Opfer, wie die Stifter selbst.»123 Eine spätere Stelle, die auf Liechtenstein bezogen ist und mit der Reformation an sich nichts zu tun hat, benützt Büchel wiederum dazu, evangelischen Glauben aus leichtfertigem Lebenswandel entstan- den zu erklären. «Aus andern Urfehden ersieht man, dass Pfarrer und Kapläne bei Nacht überlau- fen und mit Gewalt gezwungen wurden, lustigen Gesellen Wein, so viel sie wollten, zu verabrei- chen.» So steht es in beiden Auflagen. Kaiser fährt dann fort: «Manche Geistliche hielten tapfer mit und Hessen sich nicht lange zwingen. Verdächtige Weibspersonen, die sich in Pfarrhöfen einzunisten suchten, wurden entfernt. Dennoch war bei grosser Roheit der Sitten ein lebhaftes Gefühl für Ehre, Recht und Freiheit vorherrschend.»124 Anstelle die- ser Bemerkungen stehen bei Büchel folgende Sätze: «Manche Geistliche mögen selbst mitgehalten ha- ben. Die asketische und wissenschaftliche Bildung der Geistlichen Hess damals bei manchen zu wün- schen übrig. Sie studierten an Hochschulen, wo ein leichtfertiges Leben herrschte. Daher so mancher Priester der Reformation zum Opfer fiel. Erst das Konzil von Trient schaffte hierin Wandel durch die Vorschrift betreffend die Gründung von Priesterse- minarien.»125 Dass Kaiser bei aller Offenheit und Toleranz als Katholik empfand, geht etwa aus der folgenden Stelle hervor (die Büchel, nur sprachlich variiert, 198
        

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