PETER KAISER IM LICHTE DER NACHWELT JÖRG GERMANN Aberglauben befangen und von der Aufklärung un- berührt war, einfliessen lässt. Kaiser war in allem, was er tat und was er schrieb, auch Erzieher. 1. Innerkirchliche Verhältnisse: Die Bedeutung der Klöster streicht Büchel noch mehr heraus, als dies Kaiser ohnehin tut. Als Beispiel ein Zusatz Büchels zum Zustand der rätischen Kirche im Mit- telalter: «Die Klöster wurden Friedensinseln, und je heftiger draussen die Stürme tobten und je dü- sterer des Waldes Dunkel war, umso sicherer schie- nen diese Burgen Gottes und umso behaglicher der Aufenthalt am warmen Herde der Bildung zu sein.»106 Übelstände bei Mönchen und Geistlichen werden etwa gedämpft, das Wort «Pfaffenkinder» in einer Aufzählung «böser Gesellen» z.B. gestri- chen.107 Besonders sucht Kanonikus Büchel von den Bischöfen jeden Makel fernzuhalten; die «Be- gierde nach weltlicher Macht»108 wird ihnen er- lassen. Bei einzelnen hebt er deren heiligmässiges Leben109 oder ihren Kampf für Ansehen und Rechte der Kirche110 hervor. 2. Ausserkirchliche Bewegungen: Damit sind wir bei dem Thema angelangt, wo Büchel die grössten Eingriffe vornimmt. Im Urteil über die Kreuzzüge sind sich die beiden Autoren vorerst noch einig, an Kaisers Verherrlichung braucht Büchel nicht zu rütteln.111 Das ändert sich in bezug auf die Abspal- tungen um 1200 (Büchel nennt die Albigenser). Kaiser berichtet, was gewisse «Irrlehrer» lehrten: «Durch irdischen Besiz sei die Kirche verderbt, und verwarfen die Kirchenhäupter, die Fasten, die Pfründen, die Zehnten und viel anderes und hielten sich allein an die heil. Schrift. Diese Irrlehrer und ihre Anhänger vertilgte man mit Feuer und Schwert, wenn sie dem Irrthum nicht entsagten und in den Schooss der Kirche reuig zurückkehr- ten.»112 Die entsprechende Stelle bei Büchel lautet: «Durch irdischen Besitz sei die Kirche verderbt, und verwarfen die Kirchenhäupter, die Fasten, die Pfründen, die Zehnten und viel anderes und berie- fen sich dabei auf missverstandene Stellen der Hl. Schrift. Diese Irrlehrer und ihre Anhänger wüteten gegen die Katholiken mit Feuer und Schwert und mussten mit Waffengewalt bezwungen werden, da sie religiöser Belehrung unzugänglich waren.»113 
Den Bericht über Jan Hus und die Hussiten schreibt Büchel völlig neu. Kaiser spricht zwar deutlich von «Irrlehren» und «Ketzerei», be- schreibt die Ereignisse relativ ausführlich, signali- siert aber stellenweise ein Verständnis, ja Wohlwol- len. Über die Verbrennungen von Hus und Hieronymus von Prag: «Beide litten den Tod mit vieler Standhaftigkeit und beteten für ihre Fein- de.»114 Über die Hussitenkriege: «So zeigten die Böhmen, wie die Schweizer, welche Kraft in einem Volke wohne, wenn es für eine Sache, die ihm als eine heilige gilt, begeistert ist.»115 Schlussbemer- 96) Die folgende Stelle steht allerdings nur bei Büchel: «Wenn Schuppler behauptet, das Volk habe nie ein Recht auf die jahrhun- dertelang ausgeübte Rechtspflege gehabt, so gibt er damit wie in andern Vorgängen den Beweis, dass er über die Vergangenheit des Landes nicht genügend unterrichtet war.» Büchel S. 570 (Kaiser S. 503). 97) Kaiser S. 457. Büchel S. 517. 98) Kaiser S. 499, Büchel S. 567. 99) Kaiser S. 502. 100) Büchel S. 569. 101) Siehe oben S. 190. 102) Kaiser S. 465. 103) Büchel S. 526. 104) Kaiser S. 511. 105) Kaiser S. 511. Volker Press fasst das dritte Prinzip im Begriff «Glauben» zusammen, was mir nicht richtig scheint. Press 1993, S. 73. Vielleicht ist es Büchel gerade wegen diesem aufklärerischen dritten Punkt nicht schwer gefallen, die ganze Stelle wegzulassen. 106) Büchel S. 43, zu Kaiser S. 23. 107) Aus einer Polizeiordnung von 1577. Kaiser S. 345, Büchel S. 389. 108) Kaiser S. 78, Büchel S. 103. 109) Z. B. für Udalrich L: Büchel S. 82 zu Kaiser S. 61. 110) Z. B. Wido. Büchel S. 93 zu Kaiser S. 61, wo Wido als «Guido» erscheint. 111) Es erstaunt, dass Kaiser die Kreuzzüge in durchaus positivem Licht erscheinen lässt. Vgl. Kaiser S. 59 f. 112) Kaisers. 141 f. 113) Büchel S. 180. 114) Kaisers. 236. 115) Ebenda, S. 237. 197
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.