PETER KAISER IM LICHTE DER NACHWELT JÖRG GERMANN Ein kurzer Exkurs sei mir an dieser Stelle er- laubt: Nur deshalb Kaisers Vision als die bessere oder gar einzig mögliche hinzustellen, weil sie in Europa heute so ziemlich verwirklicht ist, wäre falsch. Geschichte gibt niemandem Recht oder Un- recht, Geschichte wertet nicht. Die Richtigkeit einer Sache misst sich nicht an ihrem Erfolg. Nur müsste man bei dieser Fragestellung den Begriff der «Vor- sehung», wie er in älteren historischen Arbeiten herumgeistert und auch in der «Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein» vorkommt,7" aus je- der Geschichtsbetrachtung streichen. Das demo- kratische Prinzip stösst heute an Grenzen. Schon Peter Kaiser hat eine Gefahr der Volksherrschaft geortet, wenn er im Brief «An meine Landsleute»71 vor dem «Eigennutz» warnt: «Wo Eigennutz und Selbstsucht herrschen, kann nichts Gutes gedeihen, vor allem keine Freiheit, keine wahre bürgerliche Tugend».72 Von jeder Obrigkeit erwarten wir, dass sie die Macht zum Wohle des Ganzen, und nur so, ausübe. In der Geschichte Liechtensteins hat mich als Schweizer beeindruckt, wie oft ein Fürst auch die Volksrechte ernster nahm als die «Notabein».73 Zum Beispiel hat sich Alois II. im Vorfeld der Ver- fassung von 1862 gegen die egoistischen Oligar- chieansprüche der Volksvertreter gewandt.74 Und dass Johann II. in der Verfassung von 1862 auf jede Zivilliste verzichtete,75 ja dass er umgekehrt «dem Lande immer wieder seine Unterstützung zukom- men liess»76, ist wohl einzigartig. 1918 Die schärfste Entgegnung auf In der Maurs Kritik an Peter Kaiser kam vom nahen Ausland, aus St.Gallen, wo 1914 ein Liechtensteiner Verein ge- gründet worden war. In einem Artikel über «Ge- schichtsforscher Peter Kaiser» schreibt Gustav A. Matt, dass «das Lebenswerk Peter Kaisers wohl bis heute in vielen Beziehungen eine unrichtige und ungerechte Beurtheilung»77 gefunden habe. Und er geht, nach einer biographischen Übersicht, gleich in medias res: «Vor mehreren Jahren hatten es gewisse ausländische Elemente für angebracht 
gefunden, Gegenströmungen wider unseren Lands- mann Peter Kaiser einzuleiten, um seinen gerech- ten Namen zu erniedrigen und zu entwürdigen.»78 Als Beleg zitiert er aus In der Maurs Aufsatz über Johann I. verschiedene forsche Ausfälle gegen Pe- ter Kaiser. Dass mit den «Elementen» hauptsäch- lich, aber nicht nur, In der Maur gemeint ist, deutet Matt dadurch an, dass er die Zitate als Beispiel ver- standen wissen will: «So wurden z.B. im Jahrbuche Band 5 von unserem früheren Landesverweser Karl von In der Maur unter anderem folgende Be- merkungen fallen gelassen.»79 Auch die Wendung 58) In der Maur 1905, S. 191, Anm. 2. 59) Kaiser 1989, S. 503. 60) In der Maur 1905, S. 198, Anm. 2. 61) Schuppler in der Proklamation vom 13. Juni 1809. Kaiser 1989, S. 502. 62) In der Maur 1905, S. 197. 63) Kaiser 1989, S. 357-363. 64) In der Maur 1905, S. 176. 65) Ebenda. S. 177. 66) Ebenda, S. 194. 67) In der Maur 1905, S. 191, Anm. 2. 68) Ritter 1944, S. 33. Nachtrag 3. Allgäuer 1964, S. 15, Anm. 17. 69) Lessing, Nathan der Weise, 111/6. 70) «Übrigens ist es die Vorsehung, wie uns die Geschichte, diese grosse Prophetin lehrt, welche, was sie selbst geschaffen, erhält, der Menschen Werk aber lässt sie durch Menschenhände zerstören und umbilden, wie sie es ihren Zwecken angemessen findet.» Kaiser 1989, S. 511. 71) Abgedruckt in Kind 1905, S. 32-36. Neuerdings in Brunhart 1993, S. 151-153. Vgl. Anm. 37! 72) Brunhart 1993, S. 153. 73) Press 1993, S. 63. 74) Geiger 1970, S. 119: Alois IL forderte «eine genauere Erklärung über die künftige Gleichstellung der verschiedenen Klassen von Staatsbürgern, ein Problem, das ihm sichtlich am Herzen lag.» 75) Geiger 1970, S. 293. 76) Ebenda, S. 293, Anm. 21. 77) Matt 1918, S. 9. 78) Ebenda, S. 13. 79) Ebenda. 193
        

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