Am Sonntag Morgen Vom stillen Waldessaume Hab' ich zum Thal geschaut Als aufgeweckt vom Traume Der Morgennebel graut. Das war ein heilig Lauschen Als bald der Glockenchor Durch Feld und Wälder rauschet Hinan zum Himmelsthor. Da fühlt' ich Gottes Nähe So still und glaubensvoll Mein Sehnen schwang zur Höhe Mein Herz mir überquoll. Zürichberg, 22. Januar 1871 Freiheit Was ist's? Was ewig in dem Menschen wohnt Was wahre Menschenwürde uns verleiht Was Manneskraft und Tugend selbst sich lohnt Und Selbstbewusstsein schon dem Jüngling beut. Es ist der Freiheit helle Götterflamme Die nur dem Menschen Gott ins Herze schreibt Der Wunderbaum mit ewig grünem Stamme Der trotz dem Sturme immer Knospen treibt. Das Blut-Meer, das für ihn schon hingeflossen Verjünget fruchtbar seines Triebes Kraft Aus seinen Zweigen kommen frische Sprossen Als Baum hält er die Welten überdacht. 0 möchte bald der schönste Tag erscheinen Wo jeder selbstbewusst der Freiheit lebt Wo Bruderherzen edel sich vereinen Und Friede, Freiheit über Völkern schwebt. Giessen, Mai 1871 
Bei der Nachricht über den am 30. Januar 1872, Abends 10 1/2 Uhr erfolgten Tod meines lieben Vaters. Nicht mehr kann ich den lieben Vater sehen Der Todesengel hat ihn weggetragen In glanzerfüllte klare Himmelshöhen Die stolz hinauf zum Licht der Wahrheit ragen. Dort wird ihm Lohn für männlich tapferes Streben Ein Engel schmückt ihn mit dem Lorbeerkranze Und Lichtgestalten ihm zur Seite schweben Als Freudenbilder in dem Geistertanze. Drum traure nicht mein Herz und lass das Weinen Der liebe Gott rief ihn zu lichten Freuden Wo immer Sonnenstrahlen segnend scheinen und nicht mehr schmerzen schwere Körperleiden. Als Vorbild meines Strebens will ich ehren Den Tugendkranz der stolz sein Haupt umschlinget Und kühn mir sammeln gold'ne Geistesähren dass einst auch mir der Freudenengel winket. Drum komm herab du süsser Vatersegen Weh' über mir in glücklich schönen Tagen Sei du mein Anker auch auf Sturmeswegen Dann werd ich froh den Flug zum Himmel wagen. Dann, wenn auch mir die Todesfackel leuchtet 0 süsser Traum erfülle mein Begehren Und zeige mir, was mir einst Ahnung deuchte Führ' mich zu ihm durch lichte Himmelssphären. Wien, 1. Februar 1872 114
        

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