FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 BÄUERINNEN / CLAUDIA HEEB-FLECK ÖKONOMISCHE RAHMENBEDINGUNGEN Klein(st)betriebe und extreme Parzellierung - Fol- gen der Realerbteilung - prägten die liechtensteini- sche Landwirtschaft in der Zwischenkriegszeit. Sie erschwerten eine rationelle Bewirtschaftung und brachten einen beträchtlichen Mehraufwand an Arbeit mit sich.432 Arbeitswege von einer halben Stunde von einem Feld zum anderen stellten keine Seltenheit dar.433 Das Schwergewicht in der Land- wirtschaft lag bei der Vieh- und Graswirtschaft, Acker- und Gartenland machten nur 17 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche aus.434 Vieh war dementsprechend wichtigstes landwirt- schaftliches Exportgut und stand in der Ausfuhr- statistik nach den Produkten der Textilindustrie an zweiter Stelle.435 In diesem Zusammenhang kam dem Zollvertrag mit der Schweiz für die liechten- steinische Landwirtschaft grosse Bedeutung zu, denn er verbesserte durch die Öffnung des schwei- zerischen Marktes den Viehabsatz und brachte höhere Viehpreise mit sich.436 Der Anbau von Mais und zum Teil von Kartoffeln diente der Selbstversorgung, Gemüse wurde vor- wiegend zum Verkauf gepflanzt. Bis Mitte dreissi- ger Jahre blieb der Brotgetreideanbau marginal. Erst die, mit dem Bau des Binnenkanals (1931 bis 1945) in Angriff genommene, Entwässerung der Rheinebene schuf dann eine der wesentlichen Vor- aussetzungen für vermehrten Getreide- und Hack- fruchtanbau in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre.437 Gemäss Rechenschaftsberichten verlief die Entwicklung in der Landwirtschaft in den Jah- 422) LVolksblatt, 1934, Nr. 115, «Ausstellung und Landwirtschaft», Hervorhebung von mir. Vgl. auch: Schnetzler, S. 48. Vgl. auch: MüllerAVillms/Handl, S. 37. Vgl. dagegen auch: LV, 1927, Nr. 64. In diesem Artikel schreibt der Verfasser, dass es in kleinbäuerlichen Verhältnissen häufig vorkäme, dass Vater und Sohn im Gewerbe tätig seien und darum auf dem Hof «oft genug die Hauptarbeit von Frau und Kinder geleistet werden müsse». 423) Nach der Volkszählung von 1941 macht der Anteil lediger Frauen an den Selbständigen in der Landwirtschaft jedoch fast ein Drittel aus (30 von 99) (Vgl. Tab. 19). 
In den anderen Quellen wird nur einmal eine ledige Bäuerin erwähnt, die um die Verlängerung der Arbeitsbewilligung für ihren ausländischen Knecht ansuchte (LLA, 1935, RF/152, Nr. 303). 424) LIA 1927, RE/460 z.Zl. 386, Sprunglisten von 1925/26. LLA, 1938, RF/178, Nr. 178, Sprunglisten von 1938/39. Bei der Sprungliste von 1938/39 sind z.B. 32 der 64 Vieheigentümerinnen als Witwen aufgeführt. Wahrscheinlich war der Anteil aber noch grösser, denn je nach Verfasser der Listen wurden Vieheigentümerin- nen mit Vor- und Nachname oder zusätzlich auch als Witwe erfasst. 425) Steinmann/Matasci, S. 39. Es handelt sich hier zwar um eine schweizerische Untersuchung, aber das dahinterstehende Verständnis lässt sich sicherlich auch auf Liechtenstein übertragen. 426) Zum folgenden Abschnitt vgl.: Statistisches Jahrbuch 1985, S. 96ff; Volkszählung 1980, S. 320; Volkszählung 1941, Tab. 15 u. 16. 427) Schnetzler, S. 48, Anmerkung 1). 428) Kahn, S. 24. 429) Von den 2182 Hausfrauen entfielen in der Volkszählung von 1941 836 (38.3 Prozent auf den Bereich Land- und Forstwirtschaft- ungefähr gleichviel wie auf den Sektor Industrie und Handwerk. Mit der ab der Jahrhundertwende üblichen Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenerwerb in den Statistiken, wurde die Tendenz, in den Zählbögen die Hausarbeit als Haupterwerb anzugeben, aktiv gefördert. Nach neuerer Praxis haben sich «Ehefrauen von Land- wirten sowie andere erwachsene weibliche Personen, die neben ihrer hausfraulichen Tätigkeit auch als Bäuerinnen in Hof und Feld tätig sind, (...) sowohl als Hausfrau als auch als Voll- oder in Teilzeit erwerbstätig einzutragen» (Amt für Volkswirtschaft, Liechtensteini- sche Volkszählung 2. Dez. 1980, Anleitung für die Zähler, S. 42). 430) Zur Ausklammerung der Hausarbeit als Arbeit in den Statistiken vgl. Bock/Duden, S. 119f.: Wecker, S. 3481T. 431) LLA, 1929, RE/2407, Nr. 4059, Anleitungen für die Zähler. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das Eidgenössische Statistische Amt in seinen Ausführungen zur Betriebszählung darauf hinweist, dass die Betriebszählung vor allem für die Landwirtschaft notwendig sei, da die Volkszählung kein gutes Bild der landwirt- schaftlichen Verhältnisse vermittle (LLA, 1929, RE/2407, Nr. 3611). 432) Einführung, S. 14. Vgl. auch: Mayr, S. 50. 433) Anhang, Interview mit WS. 434) RB, 1936, S. 77. Anbaustatistik 1936: Gesamtfläche: 4368.2 ha 100 % davon: Fettheuwiesen: 2547 ha (58.3%) Magerheuwiesen: 516 ha (11.8%) Kunstwiesen: 37.6 ha (0.9%) Acker- und Gartenland: 748 ha 
(17.1%) Weinberge: 18.4 ha (0.4%) Streueland: 500.6 ha (11.5%) 435) Mitteilungen der liecht. Handelskammer 1938, S. 9. 436) RB, 1924, S. 157. 437) Mitteilungen der liecht. Handelskammer 1938, S. 5. 95
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.