r FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 KAUFFRAUEN / CLAUDIA HEEB-FLECK tung erlangte.376 Wie die Botschaft zum Waren- hausgesetz von 1937 jedoch zeigt, konnte diese Zusammenarbeit zwischen Regierung und Verbän- den in Liechtenstein so weit gehen, dass sich die Regierung derart für die Anliegen des Handelsge- werbes stark machte.377 Grund für Einfluss und Aktivität der Interessenvertretung des Detailhan- dels mag zum einen die Organisation in grossen Verbänden gewesen sein, hinter denen nicht nur Handelskreise, sondern eben auch der gesamte, männlich dominierte, Bereich des Gewerbes stand. Zum anderen waren hierfür der hohe Organisa- tionsgrad der Händler378 ausschlaggebend, wie wahrscheinlich auch Persönlichkeit und politischer bzw. wirtschaftlicher Einfluss einzelner Interessen- vertreter. Diese wirksame Interessenvertretung gestalteten Händlerinnen zwar nicht mit, dennoch konnten sie im allgemeinen davon profitieren. In gewissen Be- reichen hat sich das Fehlen der Händlerinnen in den Verbänden sicherlich auch nachteilig bemerk- bar gemacht. So stellte der Gewerbeverband 1932 das Gesuch, dass künftig Konzessionsbewilligun- gen für Gemischtwarenhandlungen an den Nach- weis einer Lehre gebunden werden sollten. Diese Forderung hätte - wäre ihr entsprochen worden379 - für Händlerinnen eine wesentlich grössere Ein- schränkung bedeutet als für Lländler, da Frauen sehr schlechte Ausbildungschancen hatten. Infolge des grossen Einsatzes der Verbände für das Handelsgewerbe vertraten Kaufleute nur sehr sel- ten ihre Interessen in Einzelinitiative. Eines der wenigen Beispiele ist das Vaduzer Handelsge- werbe, das sich 1937 mit der Bitte an die Regie- rung wandte, die Eröffnung der Migrosverkaufs- stelle auf gesetzlichem Weg zu verbieten. Den ent- sprechenden Brief hatten auch einige Händlerin- nen unterschrieben.»380 DER ARBEITSALLTAG VON HÄNDLERINNEN Die Arbeitsbedingungen für Händlerinnen waren nur in sehr beschränktem Masse auf gesetzlicher Ebene geregelt. Den diesbezüglich wichtigsten 
Rahmen stellten die Vorschriften über den Laden- schluss und über die Sonn- und Feiertagsruhe dar. Sie erlaubten das Offenhalten der Läden vom Mai bis im September bis um 20.30 Uhr, den Rest des Jahres bis um 20.00 Uhr. An Sonn- und Feiertagen durften Handelsbetriebe ihr Verkaufslokal eine Stunde vor und nach dem vormittäglichen Haupt- 365) Statuten des Verbandes der Liechtensteinischen Kaufleute, Vaduz, 1921, §1. 366) LLA, 1926, RE/5015, Mitgliederverzeichnis des Verbandes der Liechtensteinischen Kaufleute, Stand 1926 (Weibliche Mitglieder: Wwe. Albertine Frick, Marie Haller, Mathilde Biedermann. Frieda Goop und Sofie Gassner). 367) Statuten des Liechtensteinischen Gewerbeverbandes, 1925, gl. Statuten des Liechtensteinischen Verbandes für Handel und Gewer- be, 1932, § 1. Über die Grösse dieser Verbände habe ich keine kon- kreten Zahlen gefunden. 368) Da die Regierung den Verband für Handel und Gewerbe auch als Gewerbeverband bezeichnete, ist anzunehmen, dass es sich bei diesem Verband um die Nachfolgeorganisation des Gewerbever- bandes handelte (LIA 1935. RF/151. Nr. 127, Schreiben der Regie- rung vom 22. Januar 1935). 369) LV, 1936. Nr. 13. 370) Statuten der Gewerbegenossenschaft für das Fürstentum Liechtenstein. Art.. 3. 371) S. 76. 372) Anhang, Interview mit R. und J.J. Später (wahrscheinlich nach der Geschäftsübergabe 1950) nahm R.J. an den Versammlungen der Gewerbegenossenschaft teil. 373) Anhang. Interview mit J.Q.. S. 119. 374) Vgl. z.B.: RBe 1924117 LIA 1924, RE/2957 z.Zl. 2427 / U.A. 1930. RF/7386. 375) Statuten des Liechtensteinischen Verbandes für Handel und Gewerbe, § 2. Statuten der Gewerbegenossenschaft für das Fürsten- tum Liechtenstein, Art. 2, Zweck der Genossenschaft, Punkt f. 376) Geschichte der Schweiz und der Schweizer, S. 144ff l-I.-U. Jost spricht in diesem Zusammenhang von der «Verwirtschaft- lichung der Politik». 377) S.77. 378) So waren im Verband Liechtensteinischer Kaufleute 1926 min- destens 57 Männer organisiert, darunter sechs bis sieben Gastwirte und vier Bäckereibesitzer. Im Vergleich dazu die Anzahl männlicher Beschäftigter nach der Betriebszählung, 1929: im Kleinhandel: 61 / im Gastgewerbe: 65 / in Bäckereien: 1.5 / in Bäckereien und Kondito- reien: 18. 379) Vgl. Anmerkung 362. 380) LLA, 1937, RF/172. Nr. 115, Schreiben vom 31. Mai 1937. 83
        

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