INTERESSENVERTRETUNG IM HANDELSGEWERBE In der Zwischenkriegszeit wurden die Interessen des Handelsgewerbes von vier verschiedenen Or- ganisationen wahrgenommen, wobei nur der 1921 gegründete Verband Liechtensteinischer Kaufleute ausschliesslich die Anliegen des Detailhandels ver- trat.365 In diesem Verband, der sich den Schutz des Han- delsgewerbes und die Beratung in beruflichen An- gelegenheiten zum Ziel gesetzt hatte, waren 1926 64 Mitglieder organisiert, darunter Inhaberinnen oder Betriebsleiterinnen von Lebensmittel-, Eisen- waren-, Konfektions-, Schuhwaren- und Möbelge- schäften, aber auch von Bäckereien und Gastwirt- schaften. Händlerinnen waren mit 5 Mitgliedern oder knapp 8 Prozent krass untervertreten.'366 Schienen sie aber in diesem relativ kleinen Ver- band wenigstens vereinzelt als Mitglieder auf, so traten sie in den grösseren Verbänden, die neben Handels- vor allem auch Gewerbeinteressen ver- traten,367 überhaupt nicht mehr in Erscheinung. In dem 1925 gegründeten Gewerbeverband, einem Dachverband für Handels-, Gewerbe- und Indu- strieorganisationen, wäre eine Frau als Vertreterin eines Berufsverbandes völlig undenkbar gewesen und auch in dem 1932 gegründeten Verband für Handel und Gewerbe36* war, soweit ich es nachprü- fen konnte, keine Frau Mitglied. Bei der 1936 ins Leben gerufenen Gewerbegenos- senschaft, die an die Stelle des Verbandes für Han- del und Gewerbe trat,369 bestand eine Zwangsmit- gliedschaft: «Wer im Fürstentum Liechtenstein ein oder mehrere Gewerbe im Sinne der Gewerbeord- nung selbständig oder als Pächter betreibt, ist Mit- glied der Gewerbegenossenschaft und hat die da- mit verbundene Verpflichtung zu erfüllen; diese Be- stimmung gilt gleicherweise auch für die Inhaber industrieller Betriebe.370 Verzeichnisse der Genossenschafterinnen habe ich nicht gefunden; es ist aber anzunehmen, dass sich hier bezüglich Frauenanteil ähnliche Verzerrungen feststellen liessen wie bei den Gewerbeverzeichnis- sen.371 Dies kommt auch in den Interviews klar 
zum Ausdruck. Bei den Geschwistern J. war der Vater Mitglied der Gewerbegenossenschaft und dementsprechend nahm auch er, manchmal auch der Bruder, an den Versammlungen teil.372 Wäh- rend den Geschwistern J. die Gewerbegenossen- schaft ein Begriff war und sie deren Tätigkeiten mitverfolgten, konnte sich die - allerdings heute 90jährige - J.Q. weder an eine Mitgliedschaft in ei- nem Verband bzw. in der Genossenschaft erinnern, noch wusste sie irgendetwas über diese Verbände: «Das hab' ich entweder alles vergessen oder ich hab' zu wenig auf solche Sachen geachtet.»373 Be- zeichnenderweise nahm sie aber trotzdem an, dass es in diesen Verbänden in der Zwischenkriegszeit nur Männer gegeben habe. Die Interessen des Detailhandels wurden in der Zwischenkriegszeit also entweder von Händlern oder von männlichen Familienmitgliedern der Händlerinnen wahrgenommen. Die Diskrepanz zwischen weiblicher Arbeitsleistung im Handelsge- werbe und weiblicher Interessenvertretung er- staunt kaum; interessant ist vielmehr, dass die rela- tiv wenigen Männer im Detailhandel die Interessen des Handelsgewerbes derart aktiv und einfluss- reich vertraten. Hierbei ist jedoch zwischen dem Verband liechten- steinischer Kaufleute und den grossen Verbänden zu unterscheiden. Dem vor allem in den zwanziger Jahren und anfangs dreissiger Jahren sehr aktiven Kaufleute-Verband kam nie das gleiche Gewicht zu wie dem Verband für Handel und Gewerbe und ab 1936 der Gewerbegenossenschaft. Während sich seine Aktivitäten hauptsächlich auf Beschwerden, Anfragen und Forderungen im Zusammenhang mit dem Hausierhandel beschränkten,374 lässt sich beim Verband für Handel und Gewerbe und vor allem bei der Gewerbegenossenschaft von einer überaus intensiven Zusammenarbeit mit der Re- gierung sprechen; diese Zusammenarbeit war in den Statuten dieser Verbände auch explizit als Ziel formuliert worden.375 Die Tendenz zur engen Ko- operation wirtschaftlicher Interessengruppen mit dem Staat ist allerdings ein Phänomen, das nicht nur in Liechtenstein, sondern z.B. auch in der Schweiz in der Zwischenkriegszeit zentrale Bedeu- 82
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.