lag der Verkehr der Handelsreisenden der Bundes- gesetzgebung,334 was den Handlungsspielraum der liechtensteinischen Regierung stark einschränkte. Die Bemühungen der liechtensteinischen Gesandt- schaft, das eidgenössische Gesetz betreffend der Handelsreisenden für Liechtenstein für ungültig zu erklären, blieben denn auch erfolglos.335 1930 trat ein neues Bundesgesetz über die Han- delsreisenden in Kraft, das aber nicht die von liech- tensteinischer Seite erwünschte Eindämmung des Handelsreisendenverkehrs brachte, denn die Kla- gen über die Konkurrenzierung durch schweizeri- sche Handelsreisende und Hausiererinnen ver- stummten auch in den dreissiger Jahren nicht. Zudem wurde - sogar von offizieller Seite - der Verdacht erhoben, dass die in Liechtenstein tätigen Handelsreisenden die gesetzlichen Bestimmungen unterlaufen würden: «Die Tatsache, dass vollbela- dene Schweizer Lieferwagen unter dem Titel «Lie- ferung auf Bestellung» mit Lebensmitteln und Schuhen von Haus zu Haus fahren, hat neben der Feststellung eines Verlustes für das Inlandgeschäft das Gefühl aufkommen lassen, dass von einigen Häusern immer wieder Versuche unlauterer Kun- denwerbung, entgegen den Bestimmungen des Ge- setzes, auf liechtensteinischem Boden gemacht werden.»336 Wie ein Schreiben der Regierung an die Gewerbegenossenschaft 1936 jedoch zeigt, er- wies sich dieser Verdacht nicht immer als begrün- det: «Nach unseren Erfahrungen bei den polizei- lichen Erhebungen stellt es sich jedoch regelmässig heraus, dass es sich bei den Lieferanten von Brot und Fleisch um die Lieferung bestellter Waren handelt.»337 Handelsreisendenverkehr und Hausierhandel wur- den als grosse Konkurrenz für den Detailhandel empfunden und als Folge davon in aller Schärfe be- kämpft: «Gegenwärtig treibt das Hausierwesen in Liechtenstein üppige Blüte. Kein Tag, keine Stunde vergeht, wo nicht ein oder mehrere Hausierer un- sere Privatwohnungen umschleichen. ... Der Kun- denkreis bei den Händlern ist derart herabgemin- dert, dass dieser Umstand zur Katastrophe werden kann. Es ist ein Unrecht vom Volke, dass der frem- de Hausierer mehr Unterstützung findet, der nicht 
hier lebt und fühlt, der nicht hier seine Steuern zahlt.»338 Härte und Emotionalität des Vorgehens gegen das «Hausierunwesen» hängen wohl sicher mit der als prekär eingeschätzten Situation des liechtensteini- schen Detailhandels339 zusammen; allgemein aber wurde der Hausierhandel auch in vielen anderen Ländern Europas als unliebsame, unzeitgemässe Konkurrenz abgelehnt. In einer Resolution der In- ternationalen Mittelstandsunion von 1924 sprach die Gruppe Handel dem Hausierwesen und Wan- derlager jegliche «Existenzberechtigung im heuti- gen modernen Wirtschaftsleben» ab.340 In Liechtenstein richteten sich die Angriffe des Handelsgewerbes zwar in erster Linie gegen aus- ländische Handelsreisende und Hausiererinnen, in zweiter Linie aber verfolgten etliche Massnahmen das Ziel, den Hausierhandel in Liechtenstein gene- rell einzuschränken. Forderungen nach möglichst restriktiver Bewilligungspraxis für Hausierpatente, nach strengen Kontrollen der Hausiererinnen und Handelsreisenden oder Aufrufe, nicht bei Hausie- rerlnnen zu kaufen, sollten auch vor der Konkur- renz einheimischer Hausiererinnen und Handels- reisender341 schützen. Ebenso machte die morali- sche Verurteilung des LIausierwesens wohl kaum vor den liechtensteinischen Hausiererinnen halt.342 Obwohl die Regierung die Anliegen des Detailhan- dels teils erstaunlich stark berücksichtigte, brach- ten sie gewisse Forderungen in Konflikte, da der Staat im «Interesse des Volksganzen» auch auf die liechtensteinischen Hausiererinnen Rücksicht neh- men musste. So kam die Regierung dem Detailhan- del bezüglich polizeilichen Kontrollen schweizeri- scher Handelsreisender nicht im gewünschten Aus- mass entgegen, weil die Schweiz diese Kontrollen als Schikane kritisierte und mit Gegenmassnahmen drohte, was für die vielen liechtensteinischen Hau- siererinnen, die ihre Waren in der Schweiz absetz- ten, sehr nachteilig hätte sein können.343 Das zweite mit der Eingliederung in den schweize- rischen Wirtschaftsraum zusammenhängende und längerfristig weit einschneidendere Problem für den liechtensteinischen Detailhandel stellten die sich seit 78
        

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