FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 KAUFFRAUEN / CLAUDIA HEEB-FLECK ARBEITSVERHÄLTNISSE DER KAUFFRAUEN STATUS DER KAUFFRAU Obwohl in der Zwischenkriegszeit in Liechtenstein im Detailhandel mehr Frauen als Männer arbeite- ten,312 traten diese Frauen kaum ins öffentliche Be- wusstsein. Eine differenzierte Berufsbezeichnung für ihre Arbeit wie Händlerin, Kauffrau, bzw. we- nigstens Kaufmann, war weitgehend ungebräuch- lich.313 Ein Erklärungsansatz hierfür bietet die damals im Kleinhandel noch weit verbreitete Einheit von Arbeitsplatz und Wohnung. Häufig befand sich der Laden wie bei J.Q. im unteren Stock des Wohnhau- ses - war also integriert in den der Frau zugeordne- ten häuslichen Arbeitsbereich. Die Tätigkeit der ver- heirateten Händlerin wurde darum wahrscheinlich als Nebenbeschäftigung zu ihrer Hausfrauenarbeit gewertet und dementsprechend weniger als eigen- ständige Erwerbstätigkeit wahrgenommen. Die grösstenteils verheirateten oder verwitweten liechtensteinischen Händlerinnen314 standen ver- mutlich im gleichen gesellschaftlichen Ansehen wie Hausfrauen, da sie eben in erster Linie über ihre Hausfrauen- und erst in zweiter Linie über ihre Händlerinnentätigkeit definiert wurden. Die allge- mein übliche Orientierung an dieser Rollennorm, in der die Gattin, Hausfrau und Mutter Bewertungs- massstab und Richtlinie war, zeigt sich bei den Händlerinnen besonders deutlich. Sie führte dazu, dass ledigen Händlerinnen nicht das gleiche Anse- hen entgegengebracht wurde wie verheirateten. So bezeichnete man die beiden ledigen Händlerinnen J.J. und R.J. in Schaan als «Usego-Mädchen» und qualifizierte ihre Arbeit damit zur Übergangstätig- keit bis zur Heirat ab. Dies ging sogar soweit, dass man vom «Ledigenrank» sprach, da die beiden Händlerinnen vis-ä-vis der Geschwister J. ebenfalls ledig waren.315 R.J. war sich dieser abwertenden Einschätzung der ledigen Händlerin durchaus bewusst, wie ihre Ant- wort auf meine Frage nach dem Prestige der Händ- lerin im Vergleich zum Beispiel zur Fabrikarbeite-rin 
zeigt: «Das hatte keine Rolle gespielt. Sie müs- sen sich vorstellen, wenn man zu zweien sagt, sie seien die «Usego-Mädchen»! Ist das besser, wie wenn eine in die Fabrik geht?»3"' Dennoch standen Fabrikarbeiterin und ledige Händ- lerin im gesellschaftlichen Ansehen nicht ganz auf der gleichen Stufe. Von den Eltern der Geschwister J. und im Endeffekt auch von J.J. und R.J. selber wur- de die Ladenarbeit ja gerade als Alternative zur Fa- brikarbeit begriffen. So erzählte J.J., dass sich ihre Eltern zur Eröffnung eines Ladens für die beiden Töchter entschieden, weil sie «halt mit den Mädchen etwas machen [wollten], damit wir nicht in die Fa- brik mussten».317 Für dieses im Vergleich zur Fabrik- arbeiterin doch höhere Prestige der ledigen Händle- rin war wohl der selbstbestimmte und selbständi- gere Charakter der Ladenarbeit ausschlaggebend. Dieses Kriterium der Qualität der Arbeit kam also gegenüber der Fabrikarbeit zum Tragen, blieb aber in bezug auf die gesellschaftliche Wertschätzung der Händlerin überlagert von der primären Definition 302) Anhang, Interview mit HB., S. 116. 303) Anhang, Interview mit H.B. 304) Anhang, Interview mit H.B., S. 116. 305) Anhang, Interview mit H.B., S. 116. 306) Anhang, Interview mit H.B., S. 116. 307) LVolksblatt. 1932. Nr. 117, «Für das einheimische Gewerbe. Zur Aufklärung». 308) LVolksblatt. 1925. Nr. 87. 309) Anhang, Interview mit H.B. 310) Anhang, Interview mit H.B., S. 116. 311) Joris/Witzig, Frauengeschichte(n), S. 200. 312) Vgl. das folgende Kapitel. 313) In den Quellen bin ich einmal auf die Bezeichnung «Händlerin- nen» gestossen; allerdings waren damit nicht Frauen, die einen Laden führten, gemeint, sondern Hausiererinnen mit Landesproduk- ten (Vgl.: Anmerkung 330). Ich verwende die Bezeichnung Händle- rin, selten auch Kauffrau, in dieser Arbeit nur in ersterem Sinne. 314) Anhang, Interview mit R. und J.J. 315) Anhang, Interview mit R. und J.J. 316) Anhang, Interview mit R. und J.J., S. 123. 317) Anhang, Interview mit R. und J.J., S. 123. 73
        

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