FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 DAMENSCHNEIDERINNEN / CLAUDIA HEEB-FLECK dass sich viele Liechtensteinerinnen primär am Preis orientierten und so eben auch Konfektions- kleidung trugen und bei Hausiererinnen billigere Stoffe kauften. Im Einklang damit beschrieb H.B. ihre Kundschaft als «Leute, die es sich leisten konnten, etwas nähen zu lassen». Auf meine Frage, ob sie nicht auch für Kundschaft aus bescheidenen Verhältnissen geschneidert habe, antwortete sie: «Doch, das gab es auch. Jedoch konnten die es sich eigentlich nicht leisten. Sie nähten selber, oder dann gab es eben die Störschneiderinnen, die ins Haus kamen. Die arbeiteten aber nicht so schön, nicht so genau.»285 Um die prekären Verdienstmöglichkeiten im Schneidergewerbe zu verbessern, beschloss die Regierung 1936 die Schaffung einer liechtensteini- schen Einheitskleidung für Schülerinnen. Für die Durchführung dieser Arbeitsbeschaffungsmass- nahme berief die Regierung eine Kommission, in der sowohl ein Vertreter der Schneider als auch eine Vertreterin der Damenschneiderinnen - bei- de vom Schneidermeisterverband gewählt - Ein- sitz nahmen.286 Die Einheitskleidung musste von inländischen Schneiderinnen oder nach Muster- vorlage in Selbstherstellung gefertigt werden und wurde vom Staat subventioniert. Nach einer Mit- teilung in den Zeitungen übernahm dabei zu- nächst die Landeskasse die Kosten für die Ein- heitskleidung, die später von den Eltern raten- weise zurückzubezahlen waren.287 Allerdings be- stand kein Zwang zur Anschaffung der Einheits- kleidung.288 Trotzdem scheint die Arbeitsbeschaf- fungsmassnahme erfolgreich gewesen zu sein, denn 1938 bedankte sich der Schneidermeister- verband bei der Regierung für die Förderung des Schneidergewerbes durch die Einführung der Ein- heitskleidung, die für das Schneidergewerbe eine «erfreuliche Belebung» gebracht habe.284 Die mit der «Geldknappheit» verbundene geringe Nach- frage nach Masskleidung und die zunehmende Konkurrenz durch den Verkauf von Konfektions- kleidung in liechtensteinischen Geschäften blieben jedoch zentrale Probleme des Schneidergewerbes in der Zwischenkriegszeit. Die entsprechend ge- ringen Verdienstmöglichkeiten waren wohl die 
Ursache für die Stagnation der Anzahl Männer im Schneidergewerbe. Hinter der anders verlaufenden Entwicklung bei Schneiderinnen stand vermutlich ein in der Indu- strie mehrfach festgestellter Mechanismus: Männer kehren stagnierenden und strukturell schwachen Arbeitsbereichen den Rücken, während Frauen meist noch lange bei niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen in diesen Arbeits- zweigen weiterarbeiten und mit ihren tiefen «Lohnansprüchen» die Konkurrenzfähigkeit sol- cher strukturell schwachen Industrien einigermas- sen aufrechterhalten.290 Die geschlechtsspezifisch verschiedene Entwick- lung der Beschäftigtenzahlen lässt sich also damit 278) Auch wenn damit die grosse Diskrepanz sicherlich nicht zu erklären ist, bleibt zu berücksichtigen, dass wohl auch einige aus- ländische Schneiderinnen heirateten und so Liechtensteinerinnen wurden. Den Verhältnissen im  von H.B. nach zu schliessen, war die Fluktuation bei den Schneiderinnen aber all- gemein recht gross. H.B. beschäftigte während der neun Jahre, die sie als selbständige Schneiderin arbeitete, nacheinander mehrere gelernte Schneiderinnen und drei Lehrtöchter (Anhang, Interview mit H.B.). 279) LLA, 1928, RE/5260, Schreiben vom 21. 9. 1928. 280) LLA, 1930, RF/7813, Schreiben vom 17. 11. 1930. 281) LLA, 1935, RF/152, Nr. 386, Schreiben vom 24. 2. 1935. 282) Vgl. z.B.: I.V. 1936, Nr. 89, Nr. 110 und Nr. 114 / LV. 1938, Nr. 124. 283) LLA, 1929, RE/2302. 284) Vgl.z.B.: LVolksblatt, 1928, Nr. 112 / I.V. 1936, Nr. 77. Auf das Problem der Hausiererinnen und den «Taktiken», sich dieser Kon- kurrenz zu erwehren, werde ich auf S. 77 genauer eingehen. 285) Anhang, Interview mit H.B., S. 116. 286) LIA, 1936, RF/165, Nr. 429, Schreiben des Schneidermeister- verbandes an die Regierung vom 17. 12. 1936. 287) LVaterland, 1937, Nr. 27, «Mitgeteilt». 288) LVaterland, 1937, Nr. 7, «Die Delegiertenversammlung der Bürgerpartei». 289) LLA. 1938, RF/178, Nr. 423. LIA 1937, RF/165, Nr. 492, Zusammenstellung vom 31. 3. 1937 über die bestellten Einheitsklei- dungen. Danach wurden 703 Einheitskleidungen bestellt, was bei einer Schülerinnenzahl von 1799 (RB 1937) recht viel ist. 290) Vgl. z.B.: Pesenti, S. 142. Joris/Witzig, Frauengeschichte(n), S. 205f. 69
        

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