gänzlich. Allerdings muss die Fluktuation bei den Schneiderinnen sehr gross gewesen sein, denn in der Volkszählung von 1941 wiesen sich nur zehn Schneiderinnen als Ausländerinnen aus, obwohl von 1931 bis und mit 1937 36 Einreisebewilligun- gen an ausländische Schneiderinnen erteilt worden waren.278 Während also die Zahl der Schneidergehilfen und -meister stagnierte, wuchs die der Schneiderinnen weiterhin an. Dieses Phänomen ist auf dem Hinter- grund der wirtschaftlichen Entwicklung des Schneidergewerbes in der Zwischenkriegszeit zu sehen: Schon 1928 betonte der Schneidermeisterverband, dass die Schneidermeister nicht voll beschäftigt seien, dass das Gewerbe nicht auf Rosen gebettet sei, «seitdem die grosse Geldknappheit um sich [greife]».279 Als eine Massnahme forderte der Ver- band, keine weiteren Konzessionen an ausländi- sche Schneider zu erteilen und - soweit möglich - bestehende Konzessionen zurückzuziehen. 1930 wandten sich auch die Schneidergehilfen mit der Forderung an die Regierung, Ausländern die Aus- übung des Schneidergewerbes in Liechtenstein we- gen der gespannten Arbeitsmarktlage zu verbie- ten.280 Wie der Stopp an Einreisebewilligungen zeigt, trugen die Interventionen der Schneider und Schneidergehilfen Früchte. Schneiderinnen hingegen versuchten erst 1935, die Konkurrenz durch ausländische Arbeitskräfte einzudämmen. In einem Brief forderten die «be- troffenen Fachleute» die Regierung dazu auf, «in Anbetracht der grossen Arbeitslosigkeit im Da- menschneidergewerbe» dafür zu sorgen, dass nur noch einheimische Arbeitskräfte angestellt werden dürfen. Sie beschwerten sich über den konkreten Fall einer Damenschneiderin, die eine Ausländerin anstellte, obwohl genügend Inländerinnen Arbeit suchten.281 Die Regierung ging dem erwähnten Fall zwar nach, doch auf die Zahl der erteilten Einreisebewilligungen hatte diese Initiative vorerst keine Auswirkung. Ein Grund für die zeitlich un- terschiedlichen Einreiseschwerpunkte männlicher und weiblicher Schneiderinnen war also die schlechte Interessenvertretung der Damenschnei-derinnen. 
Im Gegensatz zu den Schneidern, die mit dem Schneidermeisterverband in der Zwi- schenkriegszeit über eine sehr aktive Interessen- vertretung verfügten, hatten sich die Schneide- rinnen nicht verbandsmässig organisiert. Auch direkte, private Vorstösse im Sinne des erwähnten Schreibens an die Regierung blieben die Aus- nahme. Ein im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz längerfristig weit grösseres Problem erwuchs den kleinen Schneiderateliers mit der zunehmenden Bedeutung der Konfektionskleidung und deren Verkauf in Waren- respektive Bekleidungshäusern. Die vor allem in den dreissiger Jahren häufiger er- scheinenden Inserate des Schneidermeisterverban- des, die mit Slogans wie «Wer Masskleidung kauft, ist sparsam!» die Kunden davon abzuhalten ver- suchten, ihre Kleider in Konfektionsgeschäften zu kaufen, hielten diese Entwicklung kaum wirksam auf.282 Mit dem Preisniveau von Geschäften wie dem Bekleidungshaus Emil Ospelt, dem Konfek- tionsgeschäft Georg Hilti oder dem ebenfalls Damen- und Herrenkleider führenden Kaufhaus S. Frick konnten kleine Schneiderateliers ohne mas- sive Verdiensteinbussen auf die Dauer nicht mehr mithalten. Wie die Verwarnung der Regierung an zwei Kaufmänner zeigt, gab es sogar Kaufhäuser, die Bestellungen auf massgefertigte Kleidung auf- nahmen und - in diesen beiden Fällen unbewillig- terweise - zusätzlich Mass nahmen und anprobie- ren Hessen.283 Somit blieb den Schneiderateliers nicht einmal der «Qualitätsbonus» der Massklei- dung unbestritten erhalten. Für Schneiderinnen, welche selber Stoffe und Tü- cher führten und verkauften, stellten Hausiererin- nen eine weitere Konkurrenz dar. Auch dieser Kon- kurrenz versuchte der Schneidermeisterverband durch Inserate entgegenzuwirken, in denen er be- hauptete, dass Hausiererinnen den Kundinnen meist billigen Stoff als Qualitätsware andrehen würden.284 Die ärmlichen Verhältnisse in Liechtenstein in der Zwischenkriegszeit brachten es aber wohl mit sich, 68
        

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