Aus dieser Einstellung heraus lehnten Jenny, Spoerry & Cie jegliche organisierte Interessenver- tretung der Arbeiterschaft ab: «[Wollen] wir Ihnen [der Zentralverwaltung des LAV] gleich eingangs die Erklärung abgeben, dass wir grundsätzlich mit keiner Organisation unserer Arbeiterschaft verkeh- ren, diese also nicht anerkennen & der heutige Brief der erste, aber auch der letzte ist, den wir an Sie richten. Wenn Differenzen in irgend einer Frage entstehen, so werden diese direkt mit der Arbeiterschaft erledigt.»260 Zu Differenzen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmerinnen kam es vorwiegend bei Lohnfragen, bei Entlassungen oder Ausstellungen und bei der Flaltung gegenüber ausländischen Arbeitskräf- ten.261 Wie erfolgreich die Proteste der Arbeiterinnen wa- ren, lässt sich schwer beurteilen. Den Möglichkei- ten des LAV waren, wie oben gesehen, enge Gren- zen gesetzt und die Regierung fungierte häufig als (76ermittlungs- und weniger als Vermittlungsstel- le.262 Am meisten Erfolg scheint dem Arbeitsamt beschieden gewesen zu sein, das zum Beispiel nach dem Rechenschaftsbericht von 1933 in mehreren Fällen auf Beschwerden der Arbeiterinnen hin bei den Arbeitgebern eine Lohnerhöhung durchsetzen konnte.263 
ARBEITSVERHÄLTNISSE DER DAMEN- SCHNEIDERINNEN STATUS DER DAMENSCHNEIDERIN Die Beschäftigungsmöglichkeiten im Bekleidungs- gewerbe reichten vom Beruf der Damenschneide- rin über den der Weissnäherin oder Modistin bis hin zur Arbeit in Bekleidungshäusern und in Be- trieben oder Fabriken, die Kleider und Strickwaren herstellten.264 Im folgenden werde ich mich auf die Arbeitsverhältnisse von Damenschneiderinnen be- schränken, die auf eigene Rechnung oder als Ange- stellte in einem Schneideratelier arbeiteten. Damenschneiderin, (Weiss-)Näherin265 oder Modi- stin stellten in der Zwischenkriegszeit in Liechten- stein fast die einzigen Frauen offenstehenden Be- rufe mit einer institutionalisierten Berufsausbil- dung dar. Als gelernten Berufen kam ihnen dem- entsprechend eine höhere Wertschätzung zu als der weniger qualifizierten Arbeit in Fabrik oder Hausdienst. Ansehen und Beliebtheit des Schneide- rinnenberufes hingen auch eng mit dem Umstand zusammen, dass dieser Beruf die Möglichkeit ein- schloss, sich selbständig zu machen.26,, Diese mögliche Selbständigkeit war in zweierlei Hinsicht interessant: Im Gegensatz zu den Alterna- tiven in Fabrik, Hausdienst oder in der Landwirt- schaft verhiess sie einer ledigen Frau nach Beendi- gung der Ausbildung eine eigenständige, selbstver- antwortliche Arbeit. Gab eine Damenschneiderin bei einer allfälligen Heirat ihre Berufstätigkeit auf, so konnte ihr das Erlernte im Flaushalt nützlich sein.267 Gerade die Selbständigkeit bot aber auch die Möglichkeit, mit einer Nähmaschine in der Wohnung, neben Hausarbeit und Kinderbetreuung weiterhin im erlernten Beruf zu arbeiten.268 Im Hinblick darauf liesse sich annehmen, dass dem Beruf der Damenschneiderin im gesellschaftlichen Verständnis der Übergangscharakter weniger an- haftete als der Fabrikarbeit oder dem Hausdienst und dass der Übergangscharakter in der Realität auch weniger zum Tragen kam. 62
        

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