FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 FABRIKARBEITERINNEN'/ CLAUDIA HEEB-FLECK Organisationsform und welche Ziele für einen liechtensteinischen Arbeiterinnenverein als ad- äquat galten: Die Initiative zur Gründung des Ar- beiterinnenvereines kam höchstwahrscheinlich nicht von den Arbeiterinnen selber, sondern von seiten der Kirche.248 Struktur und Zielsetzungen des Vereins zeigen denn auch den dominanten Einfluss der katholischen Kirche. Vorsitzender und Vertreter des Vereines gegen aussen war ein Geist- licher, der vom bischöflichen Ordinariat bestätigt werden musste. Die anderen Vorstandsmitglieder waren Frauen.249 Als Zweck des Vereines geben die Statuten die «Wahrung und Förderung der gei- stigen und materiellen Wohlfahrt seiner Mitglie- der» an. Das geistige Wohl der Arbeiterinnen sollte «1) durch Anhaltung zur gewissenhaften Erfüllung der religiösen und beruflichen Pflichten, durch Schutz für Glaube und Sitte, durch Teilnahme an Exercitien und gemeinsamen Empfang der hl. Sa- kramente 2) durch passende Vorträge, Errichtung einer Ver- einsbibliothek, gesellige Unterhaltungen und Pflege der Freundschaft unter den Mitgliedern»,250 er- reicht werden. Erst an zweiter Stelle stand die Förderung des ma- teriellen Wohles der Arbeiterinnen und zwar «1) durch Schutz und Förderung in der Berufstätig- keit, insbesondere durch Sorge für einen gerechten Lohn und gute Behandlung, durch Errichtung einer Spar- und Krankenkassa, durch Unterstützung von Wöchnerinnen, Arbeitsnachweis und Rechts- schutz, 2) durch möglichst allseitige Ausbildung in den weiblichen Haushaltungsschulen durch Veranstal- tung verschiedener Kurse.»251 Während der LAV die Vertretung der wirtschaft- lichen Interessen seiner Mitglieder in den Vorder 235) LLA, 1933, HF/156, Nr. 434. 236) Anhang, Interview mit K.H., S. 113. 
237) LANV, Ältere Dokumente 1920-60, Statuten vom 2. Februar 1920. 238) Die zirka 500 noch erhaltenen Anmeldeformulare von 1930, teils auch von 1932, waren alle von Männern ausgefüllt worden. (Vgl.: LANV, Aufnahmeformulare von 1930). Dies widerlegt die Auffassung von Otto Seger, der in der Broschüre «50 Jahre Arbeiterverband im Fürstentum Liechtenstein» S. 6 schreibt: «[F]s kann festgestellt werden, dass im Arbeiterverband von Anfang an Arbeiterinnen, hauptsächlich aus der Textilindustrie, Mitglieder gewesen sind.» (S. 6). 239) Bis 1930 war der LAV auf annähernd 600 Mitglieder ange- wachsen. Ein Vergleich mit den Zahlen der Betriebszählung vom August 1929 ergibt, dass von den zwischen 900-1000 Arbeitneh- mern ungefähr zwei Drittel organisiert waren (40 Jahre LAV, S. 28 und RB, 1931, S. 43). Allerdings bleibt zu berücksichtigen, dass viele Mitglieder des LAV Bauarbeiter waren (Anmerkung 136), die wäh- rend der Saison in der Schweiz arbeiteten und darum in der Be- triebszählung von 1929 nicht auftauchten. Doch auch wenn die Zah- len der Volkszählung von 1930 zur Grundlage genommen werden (1758 Erwerbstätige im 2. Sektor, davon 439 Frauen) ergibt sich im- mer noch ein Organisationsgrad von 45 Prozent. 240) LAV, Briefe und Protokolle. 1930-36, Totalrevision der Statuten des Liechtensteinischen Arbeiter-Verbandes vom 27. September 1931, Art. 4. Männliche Mitglieder zahlten 50 Rappen, weibliche Mitglieder 30 Rappen und Lehrlinge 20 Rappen pro Monat. 241) LAV, Briefe und Protokolle, 1930-36, Mitgliederverzeichnisse: Balzers, 1. Juli 1940: 112 Männer, keine Frau Triesenberg, 1940: 101 Männer, 10 Frauen Schaan, 1940: 95 Männer, 17 Frauen Schellenberg 1940: 24 Männer, 3 Frauen Gamprin 1940: 12 Männer, keine Frau Mitgliederverzeichnisse von Vaduz und Triesen, die als Standorte der Jenny, Spoerry & Cie-Fabriken evtl. mehr weibliche Mitglieder aufzuweisen hätten, fehlen in den Dokumenten des LAV ebenso wie Mitgliederverzeichnisse zu Beginn der dreissiger Jahre. 242) Anhang, Interview mit O.W., S. 111. 243) Anhang, Interview mit K.H.. S. 113. 244) Anhang. Interview mit K.H., S. 113. 245) Dies kommt in den Broschüren 40, 50 und 60 Jahre LAV klar zum Ausdruck. Vgl. dazu auch die bildliche Darstellung in der Bro- schüre 50 Jahre LAV, S. 8. 246) So schloss der LAV 1927 mit den Bauunternehmern einen Kol- lektivvertrag für das Baugewerbe ab, der beispielsweise Mindest- löhne festsetzte (40 Jahre LAV, S. 27f.). 247) 50 Jahre LAV, S. 5f. Jedenfalls ist über weitere Verbandstätig- keiten in den Quellen nichts zu finden. 248) LLA, 1920, ZI. 1277. Hofkaplan Alfons Feger meldete der Regie- rung die Abhaltung von Arbeiterinnenversammlungen zwecks Grün- dung von Ortsgruppen an. 249) LLA, 1920, RE/1458, Statuten des Liechtensteinischen katholi- schen Arbeiterinnenvereines, Art. VI. 250) LLA, 1920, RE/1458, Statuten, Art. II. 251) LLA, 1920, RE/1458, Statuten, Art. II. 59
        

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