FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 FABRIKARBEITERINNEN / CLAUDIA HEEB-FLECK mals zu Lohnreduktionen bei Jenny, Spoerry & Cie - so z. B. 1922, 1931 und 1933.213 Nachdem Jenny, Spoerry & Cie 1933 die Löhne um 12 Prozent gekürzt hatten, betrug der «Durch- schnittslohn eines jeden einzelnen Arbeiters» laut Angaben des Arbeiterverbandes nur noch etwa 60 Rappen pro Stunde.214 Ob mit Arbeitern die Ge- samtzahl der Arbeiterinnen oder nur die Arbeiter gemeint war, lässt sich allerdings nicht feststellen. Wie eine Erhebung über die Löhne in jüdischen Firmen215 zeigt, zahlten andere Betriebe Ende dreissiger Jahre noch tiefere Löhne.216 In der Rheintalischen Bekleidungswerke AG in Mauren verdienten Arbeiterinnen sfr. 3.20 pro Tag, hatten also bei Annahme eines 9V2-Stunden- Arbeitstages zirka 34 Rappen Stundenlohn. Bei der Rheintalischen Handschuh-Manufaktur gab es Arbeiterinnen, die bei Akkordarbeit auf 31 Rappen pro Stunde kamen.217 Während bei Jenny, Spoerry & Cie die physisch und psychisch belastendere Akkordarbeit wenig- stens besser bezahlt wurde, war der Akkordlohn bei den Rheintalischen Bekleidungswerken so tief angesetzt, dass die Firma den Lohn aufstocken musste, damit die Arbeiterinnen wenigstens sfr. 3.20 pro Tag verdienten. Die Aussagen von Arbei- terinnen, die beim Arbeitsamt gegen die niedrigen Löhne Beschwerde erhoben, lassen darauf schlies- sen, dass das Akkordsystem vor allem dazu diente, die Arbeiterinnen ständig unter Druck zu halten, denn «wenn die Firma aufzahlen [musste], [gab] es Vorwürfe».218 Wie im Protokoll des Arbeitsamtsaus- schusses vom 13. Mai 1938 festgestellt wurde, ent- löhnten aber 
auch viele nichtjüdische Firmen ihre Arbeitskräfte und vor allem die Heimarbeiterinnen sehr schlecht.219 199) Die Kranken-Unterstützungskasse von Jenny, Spoerry & Cie wurde für die Weberei in Triesen 1873 und für die Spinnerei in Vaduz 1891 gegründet. Hoch, S.25 u. S.27. 200) LLA, 1939. RF/190 Nr.133, Statutenentwurf der Kranken-Unter- stützungskassen der Firma Jenny, Spoerry & Cie, Vaduz und Triesen. 2.6.1939, Art. 6. (Statuten traten am 1. 7. 1939 in Kraft.) Vgl. dazu: LLA, 1939. RF/191 Nr. 160. 
201) Statuten, Art. 10 u. Art. 11. 202) Sommer, S. 57f. 203) Statuten, Art. 14. 204) Statuten, Art. 25. Art. 24 sah vor, dass die Hauptversammlung befugt sei, die Beteiligung der Mitglieder an den Kosten für ärztliche Behandlung und Arznei in einem für alle Mitglieder gleich hohen, jedoch 20 Prozent nicht übersteigenden Umfang zu beschliessen. 205) LLA, 1939, RF7190 Nr. 133. Art. 25. 1866 gründeten Arbeiter in der Weberei in Triesen, 1899 auch in der Spinnerei in Vaduz «Männerkrankenvereine», um die ungenügenden Leistungen der Firmenkrankenkasse zu ergänzen. Die Statuten die- ser männlichen Selbsthilfeorganisation wurden trotz Abraten des Gewerbeinspektors von der Regierung genehmigt. Dieser hätte eine allgemeine Verbesserung der Leistungen der Betriebskrankenkasse bevorzugt, da davon auch die Frauen, die fast drei Viertel der Beleg- schaft ausmachten, profitiert hätten. Hoch, S. 29. 206) Statuten, Art. 28. 207) LLA, 1932, RF/125 Nr. 346, Fabrikbericht der Firma Jenny. Spoerry & Cie. 208) LLA, 1939, RF/191 Nr. 160. 209) Hoch, S. 33f. 210) LLA. SF Spoerry, Vaduz. 1917 ad 721, Statuten § 1. 211) In diesem Kapitel werde ich nicht nur die Lohnverhältnisse bei Jenny, Spoerry 8i Cie darstellen, da es darüber kaum Quellenmate- rial gibt. Ich versuche ein - wenn auch zeitlich wie örtlich lückenhaf- tes - Bild der Lohnsituation der Frauen in den Fabriken, aber auch in kleinen, nicht dem Fabrikgesetz unterstellten Betrieben in der Textilbrancbe zu entwerfen. 212) Jenny. Spoerry, Triesen, Fabrikakten 1911-1922, Nr. 2306, Schreiben von Jenny, Spoerry 8i Cie an die Zentralverwaltung des Liecht. Arbeiterverbandes, Triesen. 213) RB, 1922, S. 16. Vgl.: Jenny, Spoerry, Triesen, Fabrikakten 1911-1922. Nr. 2306. Vgl: LAV, Briefe und Protokolle 1930-36, Ant- wortschreiben der Regierung an den LAV in Triesen und an die Orts- gruppe des LAV in Vaduz vom 1. März 1933. 214) LAV. Briefe und Protokolle, 1930-36, Eingabe des Arbeiter- verbandes wegen Lohnabzug bei Jenny, Spoerry & Cie vom 20. Fe- bruar 1933. 215) Die Beschränkung der Erhebung auf jüdische Firmen ist Ausdruck der antisemitischen Tendenzen in Liechtenstein. Vgl. dazu: Carl. Drittes Reich. 216) LAV. Dokumente 1935-40, Fürstlich-liecht. Sicherheitskorps Vaduz an das liecht. Arbeitsamt. Abschrift vom 22. April 1938 über die «Arbeiterkontrolle bei den jüdischen Firmen und ihre Löhne». 217) Bei Annahme einer 48-Stunden-Woche. 218) LAV, Dokumente 1935-40, Protokoll der Sitzung des Arbeits- amtausschusses vom 9. August 1938. 219) LAV. Dokumente, 1935-40, Protokoll des Arbeitsamtausschus- ses vom 13. Mai 1938. 55
        

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