FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 FABRIKARBEITERINNEN / CLAUDIA HEEB-FLECK für die nächste Nacht ausser Kraft zu setzen. Hinter dieser unternehmerfreundlichen Praxis stand die wirtschaftliche Macht der Unternehmer, die es den verantwortlichen Behörden schwer machte, den gesetzlichen Vorschriften Nachach- tung zu verschaffen. Angesichts der prekären Wirtschaftslage unterzogen sich Behörden und Arbeitnehmerinnen häufig dem Diktat der Unter- nehmerinteressen, um keine Arbeitsplätze zu ge- fährden oder zu verlieren. SCHUTZ VOR KRANKHEIT UND UNFALL UND DIE ALTERSVORSORGE IM TEXTIL- UNTERNEHMEN JENNY, SPOERRY & CIE Schon im Jahre 1886 wurden die Arbeiterinnen der Fabriken Jenny, Spoerry & Cie auf Betreiben des österreichischen Gewerbeinspektors gegen Un- fall versichert.193 Bis 1924 oblag die Kontrolle der Unfallverhütung allein dem Gewerbeinspektor. Mit dem Inkrafttre- ten des eidgenössischen Fabrikgesetzes in Liech- tenstein, dem in der Zwischenkriegszeit fünf bis zwölf Betriebe unterstellt waren,194 ging die Ober- aufsicht über die Unfallverhütung in diesen Fabri- ken auf das eidgenössische Fabrikinspektorat über. Die Kontrolle aller anderen gewerblichen Betriebe blieb in den Händen des österreichischen Gewer- beinspektors. In einem Schreiben von 1936 hielt das Eidgenössische Fabrikinspektorat fest, dass die Unfallverhütung in den dem Fabrikgesetz unter- stellten Betrieben zufriedenstellend sei. Man neh- me an, dass die von einer in Liechtenstein tätigen schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft bemängelte Unfallverhütung vor allem auf die vie- len Kleinbetriebe zutreffe, die der Kontrolle durch das Fabrikinspektorat entzogen seien.195 Bei Jenny, Spoerry & Cie kam es öfters zu Daumen- und Fingerverletzungen, die meist zirka 14 Tage Heilung beanspruchten. Arbeiterinnen zogen sich solche Verletzungen häufig beim Putzen der Ma- schinen zu.196 Im allgemeinen war die Unfallgefahr nach K.H. für Frauen geringer als für Männer: «Es hat schon solche gehabt, die die Finger hinein-gebracht 
haben und sie dann gequetscht haben. Gerade bei den Männern. Wir haben ja beim Ge- triebe selbst nichts zu tun gehabt. Nur am Samstag mussten wir immer das Getriebe putzen. Da ist man eine halbe Stunde vorher in die Fabrik gegan- gen und hat geputzt.»197 Doch gab es auch bei Frauen hie und da schwere Unfälle. Eine Drosslerin beispielsweise verunfallte 1927 beim Putzen der Maschine so schwer, dass sie mit Verletzungen am Ellbogen und am Unter- kiefer und einem Schlüsselbeinbruch für mehrere Wochen ins Spital eingeliefert werden musste.198 186) LLA, 1927, HE/799 z.Zl. 14/524, Schreiben vom 19. Februar 1927. 187) LLA. 1939, RF/194, Nr. 400, Hervorhebung von mir. 188) LLA, 1930. RF/293, Schreiben der Regierung an die Ausrüsterei Hans Tribelhorn vom 11. 1. 1930, Hervorhebung von mir; auch: LLA, 1928, RE/5509 z.Z. 146, Schreiben der Regierung an die Firma Jenny, Spoerry & Cie. Vaduz, vom 10. Oktober 1928. 189) Vgl. z.B.: LLA, 1927, RE/2464 z.Z. 14. 190) Vgl.: z.B. LLA, 1927, RE/3302 z.Z. 14. Bewilligungen für den zweischichtigen Tagesbetrieb. 191) LLA, 1937, RF/173 Nr. 384. Eingabe. Diese Eingabe war von den meisten Arbeiterinnen unterschrieben worden. Auch K.H. gehörte zu den Unterzeichnerinnen. 192) LLA, 1937, RF/173 Nr. 384. Schreiben der Regierung an die Arbeiter der Firma Jenny, Spoerry & Cie vom 24. August 1937. Viele Betriebe verteilten die Arbeit normalerweise auf fünfeinhalb Arbeitstage und liessen, wie die schon erwähnten Beispiele zeigen, bei kurzfristigem Arbeilsandrang - mit oder ohne Bewilligung - auch Sanistagsnachmittags arbeiten. 193) Hoch, S.26; Ospelt, S. 288/89. 194) Anzahl Betriebe, die dem Fabrikgesetz unterstellt waren: 1925 bis 1929: 5 Betriebe 1934/1936: 8 Betriebe 1932: 6 Betriebe 1937/1938: 12 Betriebe 1931/1933: 7 Betriebe 195) LLA, 1936, RF/164 Nr. 422. Vgl. dazu die Unfallverzeichnisse der Unfallversicherung; LLA, 1931, RF/131 Nr. 48. 196) LLA, Jenny, Spoerry, Triesen, Fabrikakten, 1911-1927, Nr. 2164, Unfall-Schaden-Anzeige vom 14. 5. 1927; LLA, Jenny, Spoerry. Triesen, Fabrikakten, 1911-1922, Unfall- Schaden-Anzeigen: 1920/Nr. 3451, Nr. 451 u. Nr. 5401; 1921/Nr. 797 u. Nr. 1224. 197) Anhang, Interview mit K.H., S. 113. 198) LLA, Jenny, Spoerry, Triesen, Fabrikakten, 1911-1927, 1927, Nr. 2164. 53
        

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