GESETZLICHE REGELUNG DES ARBEITSVERHÄLTNISSES Mit dem Zollvertrag von 1924 zwischen der Schweiz und Liechtenstein wurde Liechtenstein ins schweizerische Wirtschaftsgebiet einbezogen und somit der schweizerischen Fabrikgesetzgebung unterstellt.148 Damit erlangten die Bundesgesetze betreffend die Arbeit in den Fabriken vom 18. Juni 1914/ 27. Juni 1919 und die Verordnung über den Vollzug des Bundesgesetzes betreffend die Arbeit in den Fabriken vom 3. Oktober 1919 in Liechtenstein Gültigkeit.149 Die Fabrikgesetzgebung legte die Normalarbeits- woche auf 48 Stunden fest.150 Bewilligungen für die Abänderung der Normalarbeitswoche oder für die Einführung des zweischichtigen Arbeitsbetriebes lagen in der Kompetenz des Bundesrates bzw. des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit.151 Es war zulässig, die Normalarbeitswoche auf maxi- mal 52 Stunden auszudehnen; dies sollte vom Bun- desrat nur gewährt werden, «wenn und solange zwingende Gründe es rechtfertigen, insbesondere wenn durch Anwendung des vorangehenden Arti- kels [Festlegung der Normalarbeitswoche auf 48 Stunden] die Konkurrenzfähigkeit im Hinblick auf die in andern Ländern bestehende Arbeitsdauer in Frage gestellt wäre».152 Die Kontrolle über die Ein- haltung der Stundenpläne und der vorgeschriebe- nen Pausen war Aufgabe der Ortsbehörden und wurde in Liechtenstein - soweit ersichtlich - von der Landesregierung ausgeübt.153 Für Überzeitarbeit brauchten die Fabriken in der Schweiz die Bewilligung der Kantonsregierung, in Liechtenstein die der Landesregierung.154 Überzeit- arbeit musste mit 25 Prozent Lohnzuschlag abgegol- ten werden,155 Bewilligungen und genehmigte Stun- denpläne waren durch Anschlag in der Fabrik be- kanntzugeben.156 Die Kontrolle über die Einhaltung der bewilligten Überzeit oblag den Gemeinden.157 Das Fabrikgesetz enthielt ferner verschiedene Son- derschutzbestimmungen für Frauen: das Frauen- nachtarbeitsverbot,158 eine Auflistung von für Frauen unzulässigen Arbeiten159 und den Wöchne-rinnenschutz, 
der festlegte, dass Frauen «von ihrer Niederkunft an sechs, beziehungsweise acht Wo- chen lang in der Fabrik nicht beschäftigt werden dürfen» - auch nicht im Falle einer Fehlgeburt oder bei Tod des Kindes innert sechs Wochen.160 Mit dem Vollzug der Fabrikgesetzgebung war die Landesregierung beauftragt,161 die Oberaufsicht übte der Bundesrat via Volkswirtschaftsdeparte- ment und die diesem unterstellten Fabrikinspek- torate aus.162 Bezüglich sozialer Absicherung galten bis Anfang dreissiger (Unfall) bzw. Anfang vierzi- ger Jahre (Krankheit) die Bestimmungen der Ge- werbeordnung von 1915, die Fabrikinhaber dazu verpflichteten, ihre Belegschaft zu versichern. Die Krankenversicherung sah freie ärztliche Behand- lung und ein Krankengeld, das 50 Prozent des Loh- nes betrug, vor. Bei Unfall übernahm die Versiche- rung die Kosten der Krankenpflege und zahlte bis zur Genesung ein Taggeld in der Höhe von 75 Pro- zent des Lohnes oder bei teilweiser bzw. vollständi- ger Erwerbsunfähigkeit eine Abfindung.163 Im März 1931 traten die Betriebsunfallversicherung und ein Jahr später zusätzlich die Nichtbetriebsunfallversi- cherung in Kraft, die alle in Fabriken und einer Reihe weiterer unfallträchtiger Gewerbezweige Be- schäftigten einschlössen. Die Mindestleistungen der beiden Versicherungen umfassten die Deckung der Kranken- und Pflegekosten und ein 80-prozen- tiges Taggeld ab dem zweiten Krankheitstag. Bei Vollinvalidität bestand ein Rentenanspruch in der Höhe von 70 Prozent des früheren Lohnes, bei Teil- invalidität entsprechend weniger.164 Das seit der Gewerbeordnung von 1915 bestehende Kranken- versicherungsobligatorium für Fabrikarbeiterin- nen wurde 1941 den Bestimmungen des Arbeiter- schutzgesetzes von 1937 angepasst, was teils Ver- besserungen, teils aber auch Verschlechterungen der Versicherungsleistungen mit sich brachte.165 Im Vergleich zu Dienstboten und Serviertöchtern war die Fabrikarbeiterin arbeitsgesetzlich weitaus besser abgesichert. Diese stärkere Formalisierung des Arbeitsverhältnisses hatte ihre Ursache wohl hauptsächlich in der Betriebsgrösse und damit zusammenhängend in der, im Vergleich zur Haus- 46
        

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