KULTURGUT AUS LIECHTENSTEIN - ABGEWANDERT ODER VERLOREN / NORBERT W. HASLER der Regierung Anzeige zu erstatten, an der Sachla- ge hat sich aber kaum etwas geändert. Friedrich Stellwag von Carion gibt zwei Beispiele für Unver- stand und Nachlässigkeit an: Der Finder der zwei Römerhelme von Schaan habe sie für drei Gulden verkauft. Einer davon sei jetzt eine Zierde des Vor- arlberger Landesmuseums, für den anderen habe der Besitzer vom Britischen Museum bereits 10000 Gulden geboten erhalten. In Nendeln habe ein Bau- er an der Stelle, an welcher später eine römische Villa festgestellt wurde, eine Steinsäule mit lateini- schen Inschriften gefunden, sie aber nicht beachtet und auf einem Steinhaufen deponiert. Obwohl erst vor kurzer Zeit geschehen, sei der wertvolle Fund bereits verschwunden.3 In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhun- derts war das Fürstentum Liechtenstein von einer eigentlichen Abwanderungsflut von wertvollem Kulturgut betroffen. Dies reicht von archäologi- schen Bodenfunden bis hin zu sakralen Bildwerken aus Kirchen und Kapellen. Einzelne Fälle reichen bedauerlicherweise bis in unsere Tage. Vom im- mensen Verlust an Zeugen und Zeugnissen unseres architektonischen Erbes soll hier nicht einmal die Rede sein. Zu Recht stellt Prof. Elmar Vonbank 1954 in einem Beitrag für das Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein fest: «Gerade von den zufällig geborgenen Einzelfunden ist im ver- gangenen Jahrhundert, als man also auch bei uns begann, diesen Objekten vermehrte Aufmerksam- keit entgegenzubringen, wie auch anderswo man- ches Stück um klingende Münze ins Ausland ge- wandert, und manches Stück dürfen wir heute noch als unbekannt und ohne Kenntnis des Fund- ortes in Privatbesitz vermuten. (. . .) Bedingt durch die enge politische und wirtschaftliche Verbunden- heit des Fürstentums Liechtenstein mit Österreich bis nach dem Ersten Weltkrieg ist es verständlich, dass hauptsächlich vor der Gründung des Histori- schen Vereins mehrere Funde ins Ausland, insbe- sondere nach Vorarlberg und dort ins Vorarlberger Landesmuseum gelangten, das seit 1857 besteht.»4 Heute kommt hinzu, dass das archäologische Um-feld 
gerne von Raubgräbern unter Einsatz von Metalldetektoren und ähnlichem heimgesucht und gestört wird, wie Beispiele vom Lutzengüetle am Eschnerberg aus jüngster Zeit beweisen. Im Jahre 1901 wurde der Historische Verein für das Fürstentum Liechtenstein gegründet, der sich von Anfang an sehr intensiv um die Fragen der Archäologie sowie den Denkmal- und Heimat- schutz in Liechtenstein bemühte. Auf Initiative des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechten- stein wurde am 28. Februar 1944 das erste Denk- malschutzgesetz in Liechtenstein erlassen. KULTURGÜTERINVENTAR Nach nur zweijähriger Arbeit legte 1950 Erwin Poeschel mit seinem Inventar-Band Die Kunstdenk- mäler des Fürstentums Liechtenstein"' ein bis heute gültiges Standardwerk über das Kulturgut vor, das jedoch nach bald fünfzig Jahren überarbeitet und neu aufgelegt werden müsste. In einem beachtens- werten Beitrag über Mittelalterliches Bauen und Wohnen - Eine historische Betrachtung zum Denk- malschutz in Liechtenstein stellen die Autoren Hansjörg Frommelt und Peter Albertin fest: «Am 15. Juni 1950 fasste die Fürstliche Regierung den Beschluss, dass alle in diesem Kunstdenkmäler- Band behandelten Objekte unter Denkmalschutz gestellt werden. Ein eigens dafür geschaffenes For- mular diente der exakten Erfassung. In diesem Formular wurde jedes Denkmal oder Kunstwerk genau und unter Bezugnahme auf ihre Abbildung oder Beschreibung im Kunstdenkmäler-Band auf- geführt. Unser derzeitiger Informationsstand lässt 2) Büchel. Johann Baptist: Geschichte der Pfarrei Schaan. In: JBL 27 (1927), S. 23-24. 3) Zur Geschichte des Liechtensteinischen Landesmuseums. In: Kunstagenda 1994. hg. von der Liechtensteinischen Staatlichen Kunstsammlung. Vaduz. 1993. 4) Vonbank. Elmar: Liechtensteiner Bodenfunde im Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz. In: JBL 54 (1954), S. 109-110. 5) Poeschel, Erwin: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechten- stein. Basel, 1950. 407
        

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