Zusammen mit der Instrumentationslehre gab es die Kontrapunktübungen (s. Tabellen 1 und 2). Der Unterricht pflegte mit der Fuge zu beginnen und dann zur Lehre vom Kanon überzugehen. Die Gründlichkeit, mit der die Arten und Veränderun- gen des Kanons behandelt wurden, zeigt die Ta- belle 2. Gleichzeitig stand auch eine gründliche Darstellung der Kompositionsformen auf Rheinber- gers Lehrplan. Die weitaus meiste Zeit war dabei der Variationsform gewidmet. Im Schuljahr 1883/84 dauerte die Behandlung dieser Form vom 10. November 1883 bis zum 2. April des folgenden Jahres. Der Auftrag an die Studenten lautete, über ein kurzes Thema im Dreiertakt eine Reihe von Va- riationen für Streichquartett zu schreiben, die dann einzeln im Unterricht besprochen wurden. Hum- perdincks Lösung dieser Aufgabe aus dem Jahr 1878, eine Reihe von 48 Variationen, ist in der Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main aufbewahrt; Parkers Realisierung derselben Aufgabe findet sich unter seinen Manuskripten in der Yale University in New Häven (Connecticut). Huss berichtet, dass Rheinbergers Klasse die zwei- te Hälfte der Unterrichtszeit damit verbrachte, ein Beethoven-Quartett (gemäss Inspektionsbuch Seite 126 das Quartett op. 18 nr. 6 in B-dur) abzuschrei- ben, um sich dessen Form einzuprägen.15 Die Stimmung in der Klasse war während den Un- terrichtsstunden ruhig und ernst. Sidney Homer berichtet: «Die ganze Arbeit in der Klasse wurde an der Wandtafel gemacht; selten wurde das Klavier be- rührt. In dieser Stille wurde der beste gefundene Kontrapunkt entweder von Rheinberger selbst oder von einem der Studenten an die Tafel geschrieben. Die Anspannung war enorm, und nach zwei Stun- den (unser Unterricht dauerte von acht bis zehn Uhr morgens) waren wir erschöpft. Welch seltsa- mer Anblick für einen Aussenstehenden, der zufäl- lig hereingeschaut hätte! Ein langer, leerer Raum mit schwacher Gasbeleuchtung; ein kleiner, grau- bärtiger Mann mit glühenden Augen und aus- drucksvollen Händen; zwanzig Studenten, völlig beschäftigt damit, eine Wandtafel anzustarren, an die Noten geschrieben wurden und die atemlos und 
in absolutem Schweigen die Fortsetzung erwarten: eine schöne Passage im Alt, ein erregter Übergang im Tenor, ein weicher, melodischer Schritt in dieser oder jener Stimme - und all dies klingt wunder- voll. Klingt? Wo du doch eine Stecknadel fallen hö- ren könntest? Ja, jeder Student hörte dabei mit, und die kleinen weissen Noten erklangen völlig rein, sobald sie ausgeschrieben waren.»16 Auch Huss erwähnt, wie wichtig die Tafel in Rhein- bergers Unterricht war: «Die Aufgaben werden alle im Unterricht bearbei- tet, wobei die Studenten nacheinander an die Wandtafel gerufen werden, um ihren Teil der Ar- beit zu tun. Oft setzt sich Rheinberger, wenn ein scheinbar unlösbares Problem auftaucht, plötzlich ans Klavier, spielt ein paar Takte und erwartet, dass der Student an der Tafel das Gespielte mit ab- soluter Genauigkeit hört und sofort aufschreibt. Diese Methode, die Schüler aus dem Stegreif an der Wandtafel komponieren zu lassen, wird wäh- rend des ganzen dreijährigen Kurses beibehalten, und obwohl der meist nervöse Neuling im allgemei- nen eher überfordert ist, begünstigt diese Methode doch die gedankliche Konzentration. Mir fielen ei- nige seltene Fälle von Studenten auf, die sich an der Tafel unbeholfen und dumm anstellten, die aber im Gegensatz dazu entschieden Talent in ih- ren Hausaufgaben-Kompositionen zeigten, und auch das Umgekehrte gab es; natürlich waren dies Ausnahmen.»17 Die Tabelle 3 zeigt Kompositionen, die Huss, Par- ker, Parkhurst und Whiting als Studenten geschrie- ben haben, soweit sie in den «Jahresberichten» von 1882 bis 1885 aufgelistet sind. Das in Klam- mern gesetzte Datum gibt das Jahr an, in dem das Werk in den «Jahresberichten» angeführt wird. Die mit einem Stern versehenen Kompositionen wur- den im Rahmen der Musikschulkonzerte öffentlich aufgeführt. Innerhalb dieser Gruppe von besonders erfolgreichen Studenten zeichnet sich Horatio Par- ker speziell aus. Er beeindruckt nicht nur durch die Anzahl seiner Kompositionen, sondern auch durch die von ihm gewählten anspruchsvollen Gattungen. 326
        

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