AMERIKANISCHE MUSIKER ALS STUDENTEN BEI RHEINBERGER / E. DOUGLAS BOMBERGER Misst man die Wirkung eines Lehrers an den späte- ren Erfolgen seiner Schüler, dann zählt Josef Ga- briel Rheinberger (1839-1901) ohne Zweifel zu den bedeutendsten Kompositionslehrern des 19. Jahr- hunderts.1 Unter den nahezu 600 Studenten, die er von 1860 bis zu seiner Pensionierung 1901 an der Königlichen Musikschule in München unterrich- tete, befinden sich unter anderen Engelbert Hum- perdinck, Ermanno Wolf-Ferrari, Josef Renner jun., Wilhelm Kienzl, Wilhelm Furtwängler und die Amerikaner George Chadwick und Horatio Parker, dazu eine grosse Zahl weiterer Musiker von lokaler oder regionaler Bedeutung. Sein Einfluss auf ame- rikanische Musiker war besonders gross, kamen doch über siebzig seiner Studenten aus den Verei- nigten Staaten, von denen eine überdurchschnitt- lich hohe Zahl einen beträchtlichen Erfolg als Kom- ponisten oder Lehrer hatten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts steckten viele kulturelle Institutionen Amerikas noch in den An- fängen. In den letzten drei Dekaden erlebten je- doch die schönen Künste eine so hohe Blüte, dass in Amerika für jene Epoche von der «Kulturgenera- tion»2 gesprochen wird. Damals wurden die wich- tigsten Orchester und Musikschulen der Vereinig- ten Staaten gegründet, dazu kam eine grosse Zahl von Musikzeitschriften. Obwohl die ersten amerikanischen Musikschulen schon in den späten 1860er Jahren eröffnet wor- den waren, konnten die Vereinigten Staaten erst gegen die Jahrhundertwende eine musikalische Ausbildung von jener Qualität anbieten, wie sie in Europa zu finden war. Europa wurde zum Vorbild für amerikanische Musiker, die vor allem in der deutschen Musik ihr Ideal fanden. In der 218jäh- rigen von Isolationismus geprägten Geschichte der USA bilden die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Ausnahme. Die Ansicht der Herausgeber von «The Century», einer der zahlreichen Literaturzeitschriften jener Epoche, war damals weitverbreitete Philosophie: «Die Art von Amerikanismus, welche «The Cen- tury» pflegen möchte, ist vom ausländerfeind- lichen Geschwätz der Politik-, Literatur- und Kunstdemagogen so weit entfernt wie es überhaupt 
geht. Der Amerikanismus schätzt das Beste aus der Alten Welt als gerade richtig für die Neue, wel- che über gute Staatsführung oder über soziale und ästhetische Fragen alles gründlich lernen soll, was von der Alten Welt gelernt werden kann.»3 Diese Entdeckung der europäischen Kultur für die eigene Entwicklung fiel zusammen mit einer Pe- riode ökonomischer Expansion, was bedeutete, dass viele amerikanische Familien die nötigen Mit- tel besassen, um ihre Kinder nach Europa zu schicken, damit sie direkt mit der Kultur der Alten Welt konfrontiert würden. Dies war besonders auf dem Gebiet der Musik der Fall. Zwischen 1850 und 1900 studierten über 5000 Amerikaner Musik in Deutschland, mit dem Ergebnis, dass deutsche Mu- sikideale und Lehrmethoden die amerikanische Kunstmusik auf Generationen hinaus beherrsch- ten. Die Münchner Musikschule und besonders der dort als Kompositionslehrer wirkende Josef Rhein- berger genossen bei den Musikstudenten aus den USA allerhöchste Wertschätzung. Der erste Amerikaner, der sich in Rheinbergers Kompositionsklasse einschrieb, war Massah War- ner (1836-1900), geboren in Winston-Salem (North Carolina). Er war Organist und Mitglied einer reli- giösen Gemeinschaft, die den Namen «Moravian Brethren» trug. Die Mitglieder dieser Sekte, die auch «Unitas Fratrum» («Brüdergemeinde») ge- nannt wurde, waren vor religiösen Verfolgungen im Laufe des frühen 18. Jahrhunderts aus Mähren geflohen und hatten sich in kleinen Gemeinden um Winston-Salem und Bethlehem-Pennsylvania nie- dergelassen. Sie sprachen weiterhin deutsch und pflegten in ihrer Gemeinschaft besonders die Mu- sik. Mit europäischen Musikern hatten sie enge 1) Der vorliegende Beitrag von Dr. Bomberger wurde von Gerhard Herrgott übersetzt und von Harald Wanger überarbeitet und er- gänzt. 2) Joseph A. Mussulman - Music in the Cultured Generation: A Social History of Music in America 1870-1900. (Evanston, Illinois: Northwestern University Press, 1971). 3) «The Century's Twentieth Anniversary», Century XL1 (November 1889), S. 148. Zitiert bei Mussulman, S. 13. 319
        

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