liehen Abgeordneten ihren Entscheid folgender- massen: «Die fürstlichen Abgeordneten haben sich als befugt und verpflichtet erachtet, ihre Mandate niederzulegen.»105 Die Neuwahl des Vollzugsausschusses war ein ein- deutiger Verstoss gegen die Verfassungsbestim- mungen. Nach § 27 der Verfassung von 1862 er- nannte der Fürst «die verantwortlichen Staats- diener». Die Vorgänge vom 7. November, insbesondere die Wahl des Vollzugsausschusses, können als verfas- sungswidrig bezeichnet werden. Eine Revolution aber, im Sinn einer tiefgreifenden gewaltsamen Änderung der gesamten gesellschaftlichen und po- litischen Struktur eines Staates, war sicher nicht angestrebt. War es ein Staatsstreich, d. h. ein gewaltsamer Um- sturz der Verfassungsordnung mit dem Ziel der Übernahme der Regierungsgewalt durch eine Per- sonengruppe, die schon vorher an der Auswirkung der Staatsgewalt in führender Stellung beteiligt ge- wesen war? Auch diese Kriterien werden von den Handelnden des 7. November nicht erfüllt. Dem Ab- stimmungsvorgang im Landtag z. B. fehlte das Merkmal des gewaltsamen Umsturzes der Verfas- sungsordnung. Auch der Rücktritt des Landesver- wesers spricht gegen einen Staatsstreich. Der Putsch mit dem Kennzeichen des Aufstands einer Gruppe von Personen gegen die rechtmäs- sigen Inhaber der Staatsgewalt und dem Ziel, die Regierung zu stürzen, trifft auch nicht auf die ge- nannten Ereignisse zu. Der rechtmässige Inhaber der Staatsgewalt - der Fürst - wurde weder als Person noch als Institution angegriffen oder auch nur in Zweifel gezogen. Im Gegenteil, die Entschei- dungsträger des 7. November bemühten sich eifrig um eine Sanktion ihrer Handlung durch das Staats- oberhaupt. Die Usurpation als widerrechtliche und gewalt- same Aneignung der staatlichen Herrschaft oder eines staatlichen Führungsamts trifft teilweise zu. Es fehlt jedoch das Merkmal der Gewaltanwendung und der Bezug auf die Übernahme der staatlichen Herrschaft als Ganzes. Wenn wir noch berücksich- tigen, dass «Usurpation» in der Monarchie mit 
«Thronraub»106 definiert wird, so hält auch diese Bezeichnung nicht stand. Was bleibt am Schluss noch übrig? War es lediglich ein Spektakel, d. h. ein mit Lärm und Gepolter die Schaulust befriedigendes Theaterstück? Wenn ein- zelne Vorkommnisse dieser Tage auch in diese Richtung weisen mögen, so waren die Zielsetzun- gen doch zu bedeutend und die Auseinanderset- zungen zu ernst gemeint und geführt, als dass wir sie heute nur als Posse interpretieren dürfen. Wir müssen beachten, was die Novemberakteure verfassungsrechtlich ändern und wie sie dies tun wollten. Es war im wesentlichen beabsichtigt, a) die Regierung zu nationalisieren und b) ein Mit- spracherecht der Volksvertretung bei der Bestel- lung der Regierung zu bekommen. Die grundlegen- den Umwälzungen in der Nachbarschaft und in Europa, aber auch die wirtschaftliche Notsituation in Liechtenstein erklären, warum gerade zu diesem Zeitpunkt die Umsetzung der schon seit Jahren vorhandenen Wünsche und Vorstellungen einer Veränderung der Verfassung durchgesetzt werden sollte. In die Beurteilung der Vorgänge vom 7. No- vember muss auch das Verhalten des Fürsten und der Hofkanzlei einbezogen werden. Einerseits war die Zielrichtung der Veränderung klar gegen die Hofkanzlei und deren Kabinettspolitik, die «Fremd- bestimmung», gerichtet. In diesem Punkt war es für die Veränderungsfreudigen in Liechtenstein leicht, Verständnis bei einer überwiegenden Mehr- heit des Volkes zu finden. Gegen die Person des Fürsten hingegen gab es kaum Unmutsäusserun- gen; dies nicht nur, weil der Fürst als sakrosankt galt, sondern weil eine ehrliche Sympathie im Volk gegenüber der Person Johann II. gegeben war. Es ist aber auch festzustellen, dass in Liechtenstein dem Entscheidungswillen des «alten Herrn» nicht mehr allzuviel Wirkung zugestanden wurde. Man sah in Prinz Franz, an den man sich deshalb im- mer häufiger und zusätzlich wandte, den eigent- lichen Machtfaktor und den politisch Handelnden. Das Verhalten des Fürsten und der Hofkanzlei war geprägt von zögernd-abwartender Zurückhaltung und von teilweisem Nachgeben. 214
        

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