DER 7 NOVEMBER 1918 RUPERT QUADERER-VOGT jubiläums wurde ein Hoch auf den Fürsten ausge- bracht, in welches die Zuschauer einstimmten. Die Stimmung war lebhaft, die Gegnerschaft der Be- schlüsse vom 7. November begann sich bemerkbar zu machen. Walser, der das Vorgehen in der ver- gangenen Landtagssitzung nochmals ausführlich verteidigte, wurde durch Pfui-Rufe von Seiten der Zuhörer gestört. Der neue Regierungs-Vorsitzende, der noch ohne Anerkennung des Fürsten amtierte, nutzte die Gele- genheit, sein Regierungsprogramm vorzustellen. Ritter definierte die neue Regierung als eine «Volks- regierung», die ihre Geschäfte in Übereinstimmung mit dem Fürsten ausübe.57 Er kritisierte die bishe- rige Regierungsform als «verkappten Absolutis- mus» und bezeichnete Liechtenstein als einen Staat, der von fremden Staatsangehörigen verwal- tet und regiert worden sei und dessen Bewohner der Willkürherrschaft fremdländischer Beamter ausgesetzt gewesen seien.58 Er hielt den bisherigen Regierungen sogar vor, sich verfassungswidrig ver- halten zu haben, da die jeweiligen Landesverweser die Amtshandlungen allein, das heisst ohne Mitwir- kung der Landräte, ausgeübt hätten. Deshalb habe sich im Volksmund schon vor vielen Jahrzehnten das Sprichwort gebildet: «Der Fürst wär scho recht, aber d'Rafa59 sind nünt.»60 Diese «Rafen», so Ritter, werde die Regierung im Einvernehmen mit den Ab- geordneten auswechseln. Zur grundsätzlichen Frage des Verhältnisses zwi- schen Fürst und Volk führte Ritter aus, dass der Souveränität des Fürsten die Souveränität des Volkes gegenüberstehen müsse. «Ein Zurück gibt es nicht, wir werden uns vor niemandem beugen, als vor dem Willen des Volkes mit dem Stimmzettel ausgedrückt».61 Aussenpolitisch sah Ritter in der Wahrung der Selbständigkeit die wichtigste Aufga- be, damit Liechtenstein nicht mehr wie bisher «als Anhängsel eines fremden Staates» gelte.62 Innen- politisch wurde die «Förderung des allgemeinen Wohles» als wichtigste Zielsetzung vorgegeben.63 Den Staatsbürgern wurde «vollste freie Meinungs- äusserung» garantiert, und abschliessend appel- lierte Ritter an den Landtag und das Volk, hinter der Regierung zu stehen. 
Inzwischen hatte auch Wien eine Reaktion gezeigt. Albert Schädler und Kanonikus Büchel hatten be- reits am 9. November einen Brief mit der Darstel- lung der Vorgänge aus ihrer Sicht sowohl an den Fürsten als auch bezeichnenderweise an Prinz Franz sen., den Bruder des Fürsten, gesandt. Imhof hatte am 10. November einen ausführlichen Bericht zuhanden des Fürsten abgefasst. Als Reak- tion auf diese Informationen kam ein Telegramm aus Wien mit dem Inhalt: «Ihrer Bitte willfahrend enthebe Ich Sie in Gnaden vom Amte eines fürst- lichen Landesverwesers und nehme ich die Fort- führung der Rechtsgeschäfte durch den provisori- schen Ausschuss vorbehaltlich näherer Aufklärung zur Kenntnis. Dem Landtage meines lieben Für- stentumes, ganz besonders seinem Präsidenten Dr. Schädler sowie dem hochwürdigen Herrn Kanoni- kus Büchel danke ich innigst für die in dieser so ernsten Zeit mir wo[h]ltuende Kundgebung unent- wegter Treue und Anhänglichkeit für mich und mein Haus. Johann»64 Dieses Telegramm stellt eine nachträgliche Zustim- mung zur Verhaltensweise Imhofs dar, der «in Gnaden» seines Amtes enthoben wurde. Gegenüber der provisorischen Regierung nahm Fürst Johann 52) Ebenda. 53) Ebenda. 54) Ebenda. 55) LLA RE 1918/4852 ad 4851, 7. November 1918, Telegrammtexte. 56) LLA RE 1918/4867, 8. November 1918, Telegramm. 57) ON 47/1918, 16. November 1918. 58) Ebenda. 59) Jutz, Vorarlbergisches Wörterbuch: Rafen: Dachsparren, vom First zur Dachrinne laufend, worauf die Dachlatten genagelt werden. 60) ON 47/1918, 16. November 1918. 61) Ebenda. 62) Ebenda. 63) Dazu gehörten nach Ritter: Verfassungsfragen, Gesetzreformen, Ernährungswesen, Schul- und Armenwesen, Verkehrswesen, Lan- desfinanzen. 64) LLA N2, Telegramm an Landesverweser v. Imhof, 13. November 1918. 203
        

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