DER 7. NOVEMBER 1918 RUPERT QUADERER-VOGT Schädler4 aus Vaduz und den Landwirt Johann Wohlwend aus Schellenberg. DIE OKTOBERKONTROVERSEN 1918 Trotz ihrer Wahlerfolge stellte die Volkspartei im Landtag von 1918 eine Minderheit dar. Je nach Umstand und Gewichtung der Probleme im Ober- und Unterland konnte sie zum Kern der fünf Abge- ordneten noch fallweise einzelne für sich gewin- nen. Nach ihrer Auffassung entsprach aber ihre zahlenmässige Vertretung im Landtag nicht dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung. Die Exponenten der Volkspartei vertraten die be- reits 1914 eingenommene Haltung und Taktik, die für sie erfolgreich gewesen war, auch 1918 weiter. In den 4 Sitzungen im Oktober 1918 kam es zu aus- giebigen Diskussionen und heftigen Auseinander- setzungen. «Es geht ein demokratischer Zug durch die Welt», stellte Wilhelm Beck in der Sitzung vom 14. Oktober fest5 und verlangte entsprechende Massnahmen. In konsequenter Fortführung des Ausbaus der poli- tischen Volksrechte forderte Beck, dass zum direk- ten Wahlrecht eine parlamentarische Regierung gehöre. Er betrachtete es auch als eine «gebieteri- sche Notwendigkeit»^, die Landräte, d. h. die zwei nebenamtlichen Regierungsmitglieder, durch das Volk aus dem Volk bestimmen zu lassen. Am 24. Oktober 1918 reichten vier Volksparteiab- geordnete einen offiziellen Antrag auf «Einführung einer parlamentarischen (Volksmit-)Regierung» ein.7 Die Regierung hätte nach diesen Vorstellun- gen nur noch «im Einvernehmen mit der Mehrheit des Landtages geführt werden» können, wäre also der Volksvertretung gegenüber verantwortlich ge- wesen.8 Die verschiedenen Vorstösse der Volkspartei erhiel- ten aber keine Mehrheit im Landtag, und der Lan- desverweser hatte in etwas schroffer Art die Anträ- ge zurückgewiesen und dazu bemerkt, er könne «weder eine innere noch eine äussere Berechti- gung der Anregung erkennen».9 
NATIONALE, REGIONALE UND INTERNATIONALE HINTERGRÜNDE Es ist zum Verständnis der liechtensteinischen Sze- nerie wichtig, auf einige Hintergründe hinzuwei- sen, die den Ablauf der politischen Ereignisse der Novemberkrise begleiteten und beeinflussten. In Liechtenstein herrschten als Folge des Ersten Weltkriegs Wirtschaftsprobleme, die sich vor allem in der Versorgungslage (Lebensmittel und Konsum- güter), in dem Währungszerfall und in den ein- engenden Grenzsperren manifestierten. Dazu kam, dass seit Anfang November 1918 Kriegsgefangene und entlassene Soldaten, vorwiegend Italiener, auf liechtensteinisches Territorium auswichen, um von hier aus durch die Schweiz nach Hause zu kom- men. Dies verursachte einige Beunruhigung unter der Bevölkerung. Als zweiter Faktor kam dazu, dass seit Sommer 1918 die «spanische Krankheit», eine Grippe-Epi- demie, von der Schweiz aus nach Liechtenstein übergriff und im Oktober und November 1918 sich seuchenartig ausbreitete. Während dieser zwei Monate starben in Liechtenstein 35 Menschen an dieser Krankheit.10 2) LGB1. 1918/4. 3) Eindeutige Hochburgen der Volkspartei waren Balzers, Triesen, Triesenberg. Josef Gassner. Triesenberg, erhielt in Triesenberg 198 von 204 Stimmen. 4) Dr. Albert Schädler war überraschenderweise nicht mehr gewählt worden. Er brachte es auf 437 Stimmen und verfehlte damit nicht nur das absolute Mehr, sondern konnte auch nicht an der Stichwahl teilnehmen. 5) ON 43/1918. 6) Ebenda. 7) ON 45/1918. 8) Ebenda. 9) Ebenda. 10) LLA RE 1918/4349 ad 3172; monatliche Angabe an die Regie- rung durch Ärzte für die Monate Oktober. November, Dezember 1918. In der Schweiz gab es 2T500 Grippetote; auf die Gesamtbevölkerung bezogen machte dies 0.57 Prozent aus. In Liechtenstein waren es 0.43 Prozent der Gesamtbevölkerung. 191
        

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