DAS HAUS BAYERN - ZEHN JAHRHUNDERTE WITTELSBACHISCHE GESCHICHTE / VOLKER PRESS Fürstenhäusern bis zum alten bayerischen Adel, auch dies ein Aspekt eines demokratischer gewor- denen Zeitalters. Kronprinz Rupprecht (t 1955) war eine beachtliche Persönlichkeit - seine Ausbil- dung zeigte durchaus Züge der Verbürgerlichung und der Verwissenschaftlichung. Gleichwohl blieb er ein bewusster Verfechter der Monarchie, ein überzeugter Wittelsbacher. Durch seinen Vater wurde Rupprecht frühzeitig in die Staatsgeschäfte eingeführt - das traditionelle wittelsbachische Kunstinteresse kennzeichnete Rupprecht ebenso wie eine enge Beziehung zur Wissenschaft, beides unterstrich er auch durch persönliche Kontakte; als Kunstkenner war er wohl seinem Vater überlegen. Grosse Reisen erweiterten seinen Horizont. 1900 heiratete er Marie Gabriele, Herzogin in Bayern. Der Schwerpunkt lag auf einer militärischen Kar- riere. Im Ersten Weltkrieg bewies Rupprecht einen eigenen strategischen Blick; seine Erfolge als Heer- führer trugen ihm ein grosses Ansehen ein. Er er- kannte auch frühzeitig die problematische Kriegs- entwicklung und schlug Konsequenzen vor, anders als die zu stark im engen militärischen Denken be- fangenen preussischen Oberbefehlshaber. Rupp- recht sah die Problematik der preussisch-deut- schen Militärmonarchie am Ende des Krieges - ge- gen den Umsturz in München legte er am 10. No- vember 1918 Verwahrung ein und berief sich auf eine parlamentarische Entscheidung und den Wil- len des Volkes. Er hat niemals offiziell auf den Thron verzichtet. Der Vermögensausgleich mit dem neuen Freistaat Bayern verlief für die Wittelsbacher nicht ungün- stig; dies lag auch an der entscheidenden Rolle des konservativ-monarchistischen Rechtshistorikers Konrad Beyerle; aber hier spiegelte sich auch die Sympathie des bayerischen Volkes für seine alte Dynastie. 1923 wurden der Wittelsbacher Aus- gleichsfonds und die Wittelsbacher Landesstiftung errichtet, die den kulturellen Besitz des Hauses Bayern dem Volk öffneten und zugleich der Dyna- stie ein standesgemässes Leben garantierten. Bei der Überführung des Leichnams Königs Ludwigs III. nach München gab es eine starke populäre Be- wegung zugunsten der Monarchie, aber Rupprecht 
liess sich auf kein politisches Abenteuer ein. 1933 erging unter dem Eindruck der nationalsozialisti- schen Machtergreifung noch einmal ein Appell an Rupprecht, aber der Kronprinz verzichtete auch diesmal auf unkalkulierbare Unternehmungen - doch distanzierte er sich von der nationalsozialisti- schen Gleichschaltungspolitik. Zunehmend aber dokumentierte sich die Opposition des kirchlich ge- prägten Wittelsbachers gegen die Hitlerdiktatur - so musste er sich schliesslich, gestützt auf die Gast- freundschaft König Viktor Emanuels III. von Italien, nach Florenz ins Exil begeben. 1945 plädierte Rupprecht für eine föderalistische Neugestaltung Deutschlands. Die Persönlichkeit Rupprechts war stark von seiner militärischen Karriere bestimmt, doch mit seiner Zurückhaltung und seiner ein- drucksvollen Würde war er in Bayern eine populä- re Gestalt. 1955 trug ihn bezeichnenderweise der Freistaat Bayern ganz offiziell zu Grabe. Als Chef des Hauses folgte ihm sein Sohn Herzog Albrecht (*1904), seit dem Tode des älteren Bru- ders Luitpold 1914 Thronerbe; ohne die dyna- stisch-militärische Legitimation des Vaters war dies keine leichte Aufgabe, gerade angesichts der Popularität der Dynastie im Lande. Durch sein Stu- dium der Forstwirtschaft aber hatte sich der Wit- telsbacher ein eigenes Berufsfeld erschlossen. Der Jagd und der Zoologie galten seine besonderen In- teressen - dazu hat er auch Bücher publiziert. Er blieb aber auch offen für die Erfordernisse einer modernen Wirtschaft, dazu stets auch in wittelsba- chischer Tradition ein Freund von Kultur und Kunst. Während der Vater nach Italien emigrieren konnte, musste Albrecht als Gegner des National- sozialismus mit Familie und Stiefmutter ein Kon- zentrationslager erdulden. Nach 1945 stand Alb- recht amerikanischen Plänen einer Donaufödera- tion Ungarn-Österreich-Bayern mit einem wittels- bachischen König skeptisch gegenüber; der Realis- mus der luitpoldinischen Linie war weiterhin le- bendig. Beide Gemahlinnen entstammten ungari- schen Adelsfamilien, Maria Gräfin Draskovich und Jenke (Eugenie) Gräfin Keglevich, was die in Alb- rechts Biographie bereits angelegte gesamteu- ropäische Perspektive verstärkte. Mit persönlicher 183
        

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