DAS HAUS BAYERN - ZEHN JAHRHUNDERTE WITTELSBACHISCHE GESCHICHTE / VOLKER PRESS gezogen. Sein Sinn für Wohltätigkeit und Liberalität liess ihn auch Spannungen überbrücken - hinzu kam ein starker volkstümlicher Zug. Auch er setzte die wittelsbachische Tradition des Mäzenatentums fort; auch er hat wie seine Vorgänger einer Phase der Ausgestaltung Münchens den Namen gegeben; unter ihm öffneten sich dem Jugendstil Tür und Tor - er versammelte Künstler wie Lenbach, Slevogt oder Kaulbach um sich. Industrieförderung und Ausstellungen zeichneten auch seine Regentschaft aus, die der Prinzregent immer wieder mit seiner Anwesenheit beehrte. Als er 1911 feierlich seinen 90. Geburtstag beging, war er längst zu einem Symbol bayerischer Tradition geworden. Mit ihm ging 1912 ein Repräsentant der Monarchie, der in seiner Person eine starke Kontinuität verkörperte und doch keine Brüche zum fortschreitenden De- mokratisierungsprozess hervorrief. Dass die Zen- trumsmehrheit im Landtag, gefördert durch die Er- weiterung des Wahlrechts 1906, seit 1912 mit Ge- org (seit 1914) Graf Hertling, auch den Ministerprä- sidenten stellte, kam den Neigungen Luitpolds ge- wiss entgegen und bildete eine Vorstufe der Parla- mentarisierung. Für ihn übernahm sein Sohn Ludwig (1912/13- 1918) die Regentschaft - auch er heiratete eine Erz- herzogin, die Prinzessin Theresia aus dem Hause Modena. Auch er galt vor 1862 zeitweilig als Thronerbe Griechenlands. Geprägt durch eine ka- tholisch-konservative Erziehung absolvierte er ein Studium in München und machte dann eine Mi- litärkarriere - zwar hatte er 1870 in der Kammer der Reichsräte für die Versailler Bündnisverträge gestimmt; er war aber dann ein eifriger Verfechter des Föderalismus im neuen Reich; der Patrioten- bzw. Zentrumspartei stand er nahe. Seit 1868 war er Ehrenvorsitzender des Landwirtschaftlichen Vereins. Als praktischer Landwirt setzte er sich für agrarische Verbesserungen ein. Wichtig wurde auch die Gründung des Kanalvereins für 1891, die für Prinz Ludwig eine wichtige Plattform bedeutete. Lange präsidierte er der 1. Kammer; berühmt wur- de seine Verwahrung von 1896 anlässlich eines Be- suches in Moskau zur Krönung Nikolaus' IL: Die deutschen Fürsten seien nicht Vasallen, sondern 
Verbündete des deutschen Kaisers. Immer wieder setzte er sich für das direkte allgemeine Wahlrecht im Reich wie auch in Bayern ein. Bezeichnend sind die Worte des Sozialdemokraten August Bebel: «Wenn wir eine Reichsverfassung hätten, nach der der Kaiser vom Volk gewählt würde und in der die Vorschrift enthalten wäre, der Kaiser müsste aus einem der regierenden Fürstenhäuser gewählt werden - ich gebe Ihnen mein Wort, Prinz Ludwig hätte die grösste Aussicht, Deutscher Kaiser zu werden. Ich glaube, meine Parteigenossen, so we- nig sie monarchistisch gesinnt sind, stimmten ein- stimmig für ihn». Ludwig war 67 Jahre alt, als er 1912 die Regent- schaft antrat; die Regierung Hertling und die Mehr- heitsfraktion des Zentrums machten sich Vorstel- lungen aus der Öffentlichkeit zu eigen, die Regent- schaft in ein Königtum zu verwandeln. Mit deutli- cher Mehrheit votierten beide Häuser dafür; aller- dings gab es zahlreiche Stimmen, die eine bedenk- liche Erschütterung eines - freilich sehr formal ge- dachten - monarchischen Prinzips sahen. Der Schritt war auch nicht populär; der bisherige regie- rungsunfähige König Otto starb 1916. Ludwig III. musste schon bald den Kriegsausbruch von 1914 erleben; seine Stellung als Vorsitzender des Bun- desratsausschusses für auswärtige Angelegenhei- ten konnte er wenig nützen; er spielte als General- feldmarschall und Befehlshaber des bayerischen Ersatzheeres eine Rolle im Lande, während sich durch den Krieg die Kompetenzen des Reiches im- mer mehr verstärkten und der Föderalismus er- schüttert wurde. Der gütige und bescheidene Mon- arch wurde gleichwohl vom um sich greifenden Annexionsoptimismus erfasst; sein Interesse für die Wasserstrassen liess ihn sogar 1915 einen di- rekten deutschen Ausgang vom Rhein zum Meer fordern. Für Bayern erhoffte er die Vergrösserung der Pfalz durch das Elsass oder wenigstens doch Teile davon. 1917 unterstützte er sogar die radikale «Vaterlandspartei». Aber auch das bayerische Königtum geriet in den Sog der Niederlage des Reiches. Ludwig III. war letztlich nicht bereit, König Wilhelm II. zur Abdan- kung zu überreden, eine Überlegung, die offensicht- 181
        

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