lebte, was dazu führte, dass Liechtenstein - kaum zur Industriegesellschaft herangewachsen - sich schon zur Dienstleistungsgesellschaft entwickelte.22 In den zwanziger und dreissiger Jahren nahmen sich das Banken- und Versicherungswesen, der Handel und vor allem die Interessenvertretung (Treuhand) aber noch sehr bescheiden aus. Das Schwergewicht bildeten Hauswirtschaft, Gastge- werbe, Handel und Verkehr.23 Ähnlich den Verhältnissen in Kleingewerbe und Landwirtschaft blieb der Kleinhandel auf den hei- mischen Markt ausgerichtet und zeichnete sich durch eine Vielzahl kleiner und kleinster Läden, häufige «Nebenerwerbsstruktur» und fehlende Spezialisierung aus.24 Verbunden mit der geringen Konsumkraft der liechtensteinischen Bevölkerung begrenzte diese Struktur die Verdienstmöglichkei- ten im Detailhandel, in dem mehr Frauen als Män- ner arbeiteten, auf ein Minimum. Mit der Einglie- derung in den schweizerischen Wirtschaftsraum sah sich das Handelsgewerbe mit der Konkurrenz schweizerischer Warenhäuser und schweizerischer Handelsreisender konfrontiert, was eine weitere Verschärfung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in diesem Arbeitszweig mit sich brachte. Für die traditionelle Arbeit im Hauswirtschaftssektor läute- ten die dreissiger Jahre das Ende ein. In Liechten- stein spielte für diese Entwicklung der Umstand eine entscheidende Rolle, dass die Schweiz, nach der sich der Grossteil der liechtensteinischen Dienstmädchen und Serviertöchter ausrichtete, in der Krise der dreissiger Jahre ihre Grenzen für ausländische Arbeitskräfte weitgehend schloss. Dennoch blieb die Hauswirtschaft in den zwanzi- ger und, trotz Stagnation, auch in den dreissiger Jahren weitaus wichtigster und typisch weiblicher Arbeitsbereich im Dienstleistungssektor. Auch in bezug auf die gesamte weibliche ausserhäusliche Erwerbstätigkeit kam der Hauswirtschaft zusam- men mit dem Gastgewerbe ein mit der Industrie vergleichbarer Stellenwert zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor sie jedoch sehr rasch an Bedeu- tung, während die weiblichen Dienstleistungsbe- rufe im Bürobereich massiv zunahmen und dazu 
beitrugen, dass heute in Liechtenstein der Dienst- leistungssektor die weitaus meisten Arbeitsplätze für Frauen bietet.25 Wie das «Bürowesen» waren auch das Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesen mit seinen typisch weiblichen Berufen in der Zwischenkriegszeit noch kaum entwickelt und boten somit noch entspre- chend wenig Erwerbsmöglichkeiten für Frauen. Die in Liechtenstein fehlenden Ausbildungsmög- lichkeiten für diese Berufe taten ein übriges. Die in diesen Berufen tätigen Frauen waren vorwiegend Ausländerinnen, vielfach Ordensschwestern.26 Auch in diesen Berufen vollzog sich der Ausbau nach dem Zweiten Weltkrieg sehr rasch. Die Zwischenkriegszeit stellt also eine Krisen- und Schwellenzeit dar. Auf dem Hintergrund der Welt- wirtschaftskrise der dreissiger Jahre verschärften oder verfestigten sich ungünstige wirtschaftliche Strukturen in Landwirtschaft, Kleingewerbe und Kleinhandel, blieben dem Wiederaufbau oder gar Ausbau der Industrie enge Grenzen gesetzt und fehlten die Voraussetzungen für einen Ausbau des Dienstleistungssektors. Liechtenstein blieb noch in ärmlichen und wenig entwickelten wirtschaftlichen Verhältnissen verhaftet, gleichzeitig wurden aber in dieser Zeit auf gesetzgeberischer Ebene die Wei- chen für den wirtschaftlichen Aufschwung und den hohen Wohlstand Liechtensteins nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt. Marksteine dieser Entwicklung sind der Zollvertrag von 1924 und die damit ver- bundene Eingliederung in den schweizerischen Wirtschaftsraum,27 sowie die gesetzgeberische Tä- tigkeit in den zwanziger Jahren, die Liechtenstein als Sitz für Unternehmen und Gesellschaften äus- serst interessant machte. Der massgebende Ein- fluss dieser Schwellenzeit auf das heutige Liechten- stein war einer der wesentlichen Gründe für die zeitliche Eingrenzung der vorliegenden Arbeit. Des weiteren entschied ich mich für die Krisenzeit der zwanziger und dreissiger Jahre, weil gerade in Kri- senzeiten bestimmte wirtschaftliche und gesell- schaftliche Gesetzmässigkeiten besonders deutlich hervortreten. 16
        

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