FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 EINFÜHRUNG / CLAUDIA HEEB-FLECK die billigen, weiblichen Arbeitskräfte zum tragen- den Element der liechtensteinischen Industriali- sierung.16 Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Liechtenstein einen relativ hohen Industrialisierungsgrad erreicht: In fünf Industriebetrieben waren 747 Arbeiterinnen beschäftigt; dazu kam - den 200 Stickmaschinen nach zu schliessen, die es 1912 in Liechtenstein gab - noch eine ganz beträchtliche Zahl Heimarbei- terinnen.17 Der Zusammenbruch der Donaumonarchie im Er- sten Weltkrieg hatte jedoch verheerende Folgen für die weitere Entwicklung. Das damals noch an Österreich-Ungarn angeschlossene Liechtenstein verlor seinen ganzen Absatzmarkt und sämtliches im Ausland angelegtes Kapital, was zum fast völ- ligen Ruin der Industrie führte. Die einzigen Be- triebe, die sofort nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufgebaut wurden, waren die Baumwollspinnerei und Baumwollweberei Jenny, Spoerry & Cie.18 Trotz der Umorientierung Liechtensteins nach der Schweiz, welche im Zollvertrag von 1924 ihren Niederschlag fand und Liechtenstein dem schwei- zerischen Wirtschaftsraum eingliederte, blieben dem industriellen Wiederaufbau enge Grenzen ge- setzt. Den wirtschaftlichen Rückschlag des Ersten hatte die liechtensteinische Industrie bis zum Zwei- ten Weltkrieg nicht überwunden. Erst 1947 er- reichte Liechtenstein wieder den Stand an Fabrik- arbeiterinnen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.19 Die staatlichen Förderungsmassnahmen im indu- striellen Sektor zeitigten während der Zwischen- kriegszeit kaum Erfolge, denn die Weltwirtschafts- krise der dreissiger Jahre bot denkbar ungünstige Voraussetzungen für einen Wiederaufbau oder gar Ausbau des industriellen Sektors. Das Steuergesetz von 1923, welches Unternehmen mit Steuerpau- schalierungen begünstigte, das Personen- und Ge- sellschaftsrecht von 1926 wie auch das Gesetz über Treuhandunternehmen von 1928, die beide ausser- ordentlich unternehmerfreundlich waren,20 kamen erst in der zweiten Industrialisierungswelle im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg voll zum Tragen.21 
Dasselbe gilt für den Dienstleistungssektor, der ab den fünfziger Jahren einen rasanten Aufstieg er- 7) Mayr, S. 45. 8) Mayr, S. 50. 9) Mayr, S. 51. - Schnetzler. S. 54. 10) Bevölkerungsbewegung (Index 1910 = 100) Länder 1920 
1930 1939 Deutsches Reich 106 
111 119 Niederlande 
117 135 142 Schweiz 103 
108 112 Liechtenstein 101 
125 136 Bickel, S. 176 und Statistisches Jahrbuch 1985, S. 52. Geburtenrate, Lebendgeborene auf 1000 Einwohner Länder 1931/1935 
1936 1937 193S 1939 Deutsches Reich 16,6 
19.0 18,8 19,6 
20,4 Niederlande 
21.2 
20,2 19,8 20,5 20,6 Schweiz 16,4 15,6 14,9 
15,2 
15,2 Liechtenstein 21,6 
21,5 21,4 20,0 
23,7 Bickel, S. 226 und Statistisches Jahrbuch 1985, S. 52. 11) Ich verwende den Begriff Nebenerwerbsstruktur nur in Anfüh- rungszeichen, da er sich in der Literatur sehr stark am männlichen Blickwinkel orientiert. (Vgl. z.B. Schnetzler. S. 48). Auf S. 93 werde ich darauf noch näher eingehen. 12) Mayr, Tabelle 2, S. 40. Schnetzler geht allerdings davon aus, dass sich hinter diesen hohen Beschäftigtenzahlen im landwirtschaft- lichen Sektor die grosse «Arbeitslosigkeit jener schweren Zeit» ver- berge, dass eigentlich Arbeitslose auf dem Hof auf bessere Beschäf- tigungsmöglichkeiten warteten (S. 48). Dies trifft sicherlich zu. Berücksichtigt man jedoch auch die weiblichen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, die aus den Statistiken der Erwerbsbevölkerung häufig (herausfallen), so lässt sich dennoch festhalten, dass die Landwirtschaft noch einem relativ grossen Prozentsatz der Bevölke- rung Arbeit gab. 13) Schnetzler, S. 192. 14) Schnetzler, S. 203. 15) Während der Anlehnung Liechtensteins an Österreich-Ungarn bot die Niederlassung in Liechtenstein für schweizerische Unterneh- men den Vorteil, so die österreichischen Schutzzölle zu umgehen (Ospelt, S. 262, 264). 16) Wecker, S.348. - Gagg. S. 37. 17) Schnetzler, S. 73. - Erwerbsbevölkerung 1911: 3479 Personen (Statistisches Jahrbuch, 1985, S. 94). 18) Schnetzler, S. 73. 19) Schnetzler, S. 74. 20) Böhler. S. 118. 21) Schnetzler, S. 74. 15
        

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