DAS HAUS BAYERN - ZEHN JAHRHUNDERTE WITTELSBACHISCHE GESCHICHTE / VOLKER PRESS zer Territorium zurückzuhalten. Deutlich stärker lan- deskirchlich orientiert als sein Vater, setzt er dessen gescheiterte reformierte Bekehrungsversuche in der Oberpfalz fort, die dadurch in Unruhen geriet, welche bei seinem Tode 1592 gefährlich eskalierten. Nun drohte gegenüber dem mittlerweile 18jährigen Prinzen Friedrich erneut ein lutherischer Vor- mundschaftsanspruch, diesmal durch Pfalzgraf Reichard von Simmern (1569-1598), den lutheri- schen Bruder Kurfürst Friedrichs III. Der Kreis der Erzieher Friedrichs IV. rief daraufhin die glaubens- verwandten wetterauischen Grafen von Nassau, Sayn-Wittgenstein und Solms zu Hilfe; in der Tat gelang die Sicherung des reformierten Bekenntnis- ses. Man suchte jedoch die Vielzahl der Konflikte unter dem aggressiven Johann Casimir zu been- den, um den Rücken frei zu bekommen, und kehrte zu einer vorsichtigeren Politik zurück - dies war auch notwendig, da auch Kurfürst Christian I. von Sachsen kurz nach dem Tode Johann Casimirs ver- schieden war und man dort eine Rückkehr zum Lu- thertum eingeleitet hatte. Der Kurfürst erwies sich in der Folge als äusserst abhängig von seinen Rä- ten, unter denen bald der Statthalter der Oberpfalz (seit 1595), Fürst Christian I. von Anhalt-Bernburg, eine beherrschende Rolle gewann. Ausschlaggend dafür war Friedrichs IV. Aufenthalt in der Ober- pfalz 1596-1598, der der Calvinisierung des Lan- des dienen sollte - durch geschickte Massnahmen gelang es Fürst Christian, die Opposition im Lande zu brechen und einen vorsichtigen, aber bestimm- ten reformierten Konfessionalisierungsprozess ein- zuleiten. 1598 wurde auch im Fürstentum Sim- mern, das durch den Tod Reichards angefallen war, das reformierte Bekenntnis durchgesetzt. Christian von Anhalt gewann zunehmenden Ein- fluss auf die kurpfälzische Reichspolitik. Be- herrscht von dem Gefühl einer wachsenden Bedro- hung durch die intransigenten katholischen Kräfte, ging er auf einen entschiedenen Konfrontations- kurs. Dadurch trug die Kurpfalz massgeblich zur Lahmlegung der Reichsverfassung bei, die dann in den Dreissigjährigen Krieg mündete. 1602 stand sie angesichts einer schweren Krankheit Friedrichs IV. erneut vor der Drohung einer lutherischen Vor-mundschaft, 
diesmal durch den Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Neuburg, die sie durch testamentari- sche Vorbeugungsmassnahmen abzuwehren such- te. 1608 wurde unter massgeblicher pfälzischer Be- teiligung der Regensburger Reichstag gesprengt; die Folge waren die konfessionellen Bündnisse der evangelischen Union von 1608 und der katho- lischen Liga von 1609, die unter kurpfälzischer bzw. bayerischer Führung standen - die wittels- bachische Polarisierung hatte neue Ausmasse er- reicht. Schon 1610 drohte durch den Jülicher Erb- folgekrieg das Reich in eine grosse europäische Auseinandersetzung verwickelt zu werden, denn die katholische Partei lehnte sich an Spanien, die evangelische an die Generalstaaten und an Frank- reich an, dessen König Heinrich IV. die Krise am Niederrhein zu einer grossen Aktion benützen wollte. Doch seine Ermordung verschob die Ent- scheidung noch einmal, nachdem Union und Liga bereits am Ober- und am Niederrhein in Kampf- handlungen verwickelt worden waren. Nach der Ermordung König Heinrichs IV. von Frankreich suchte die kurpfälzische Politik das ausfallende Frankreich durch England zu ersetzen - es kam sogar zur Heirat des jungen Kurfürsten Friedrich V. (1610/14-1622/32) mit der englischen Königstochter Elisabeth Stuart. Die Heidelberger Politik bemühte sich auch, die katholische Seite zu spalten, indem sie eine bayerische Königskandida- tur favorisierte. In diesen Jahren erreichte der Hei- delberger Hof in enger Verbindung mit der Univer- sität einen Gipfelpunkt seines Glanzes. Dies täusch- te jedoch über die finanzielle Schwäche des Pfälzer Territoriums hinweg, das in ein bedrohliches Abenteuer trieb. Das konkurrierende Bayern war weitaus stabiler. BAYERN - ECKPFEILER DER ALTEN KIRCHE IM REICH Zwar hatte sich dort die Primogeniturordnung Her- zog Albrechts IV. (1465-1508) nicht gleich durch- setzen lassen. Sein ältester Sohn Wilhelm IV. (1508-1550) musste sich mit seinem Bruder Lud- 155
        

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