FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1.924 BIS 1939 ANHANG / INTERVIEWS / CLAUDIA HEEB-FLECK A: Mein Mann hat ungefähr sechs Stück Vieh gehabt. Wir haben an die Sennerei etwas Milch verkauft. F: Haben Sie zu der Zeit, als Sie als Tochter ihrem Vater im Laden geholfen haben, etwas verdient? A: Nichts. F: Wie gross war der Verdienst im Vergleich mit anderen Verdienstmöglichkeiten? A: Ich muss so sagen - mit dem Laden und der Landwirt- schaft ist es gegangen, konnte man ordentlich leben. Ab und zu haben wir noch ein Stück Boden kaufen können. Heute verdient man halt viel mehr als damals. F: Wie gross war Ihr Laden? Ihr Kundenkreis? A: Um die zwanzig vielleicht. Es war halt ein kleiner La- den. Die, die noch Brot verkauften, hatten schon den grösseren Laden. Die meisten Läden waren aber auch re- lativ klein. Im Dorf unten ist es schon besser gegangen als bei uns oben. Es kommt halt drauf an, wo man den Laden hat. F: Umfeld Ihrer Kundinnen? Kamen sie aus landwirt- schaftlichen Kreisen, aus der Fabrik, vom Gewerbe? A: Allerlei. Aber schon mehr Frauen aus der Landwirt- schaft. Industrie hat es damals noch nicht soviel gegeben. Es waren ja lauter Bauern. In jedem Haus hat es einen Stall mit Vieh gehabt und einer Sau. Oder Handwerker, die aber meist noch eine kleine Landwirtschaft gehabt ha- ben. F: Wirtschaftliche Situation der Läden in der Zwischen- kriegszeit? A: Damals ging es schon noch. Es hat schon solche gege- ben, die aufgeben mussten, aber die Konkurrenz durch die grossen Läden kam erst in den siebziger Jahren. Da- mals hat es noch keine Warenhäuser gegeben. Das Migros zum Beispiel war lange verboten. F: War das Hausierwesen für den Detailhandel ein Pro- blem? A: Das war nicht so «bös». F: War es keine Konkurrenz für Sie? A: Nein. - Oder doch? Ich weiss es nicht mehr. Es ist schon eine mit Lebensmitteln hausieren gegangen. F: Kamen Hausiererinnen vorwiegend aus der Schweiz? A: Ja. Und eigentlich die eigenen Leute, Liechtensteiner selber. F: Wie verwalteten Sie das Bargeld, das Sie im Laden ver- dienten? A: Dann musste man wieder Rechnungen zahlen. Ein bisschen Geld hat man auf die Bank bringen können. F: Hat Ihr Mann sich in die Geldangelegenheiten des La- dens eingemischt? A: Nein. F: Haben Sie das Geld auch selber auf die Bank gebracht? A: Ja, mal das vom Laden. F: Konnten Sie auch Geld abheben? A: Ja, ja. (Denkt nach) Das haben wir nicht gemacht. Man hat ja nicht viel auf die Bank gebracht. 
F: Haben Kundinnen bar bezahlt oder Hessen viele an- schreiben? A: Ja, man musste zufrieden sein. Ich habe nicht Bücher voll geschrieben. Vor dem Ersten Weltkrieg haben die Leute in unserer Getreidehandlung viel anschreiben las- sen und das haben wir dann durch den Kronenzerfall al- les abschreiben müssen. Aber dann später, als man mit Franken zahlte, war es nicht mehr so schlimm. F: Organisation im Kleinhandel? Waren Sie in einem Ver- band? A: Nein. F: Wissen Sie etwas vom Verband für Handel und Ge- werbe oder vom Kaufleuteverband? A: Davon weiss ich nichts. Da haben wir nicht mit- gemacht. [Vater war Mitglied des Kaufleuteverbandes.] F: Und beim Gewerbeverband? A: Werden wir vielleicht schon dabei gewesen sein. Ich weiss es nicht mehr. F: Wissen Sie, ob es in diesen Verbänden Frauen gegeben hat? A: Schon nur Männer, schon nur Männer. F: War Ihr Mann Mitglied in irgendeinem Verband? A: Nein. Der Sohn dann. F: Wissen Sie etwas über die Gewerbegenossenschaft? A: Auch nichts. F: In der Gewerbegenossenschaft müssen Sie gewesen sein, denn für diese Genossenschaft bestand die Zwangs- mitgliedschaft. A: Ja? So! Das hab ich entweder alles vergessen oder ich hab zu wenig auf solche Sachen geachtet. F: Wie sah Ihr Ladenalltag aus? A: Um acht Uhr hab ich den Laden aufgemacht. Über Mit- tag war auch auf. Zugemacht haben wir um 19 Uhr. F: Waren Sie den ganzen Tag im Laden unten? A: Wir hatten unten noch die Küche. Wenn ich im oberen Stock war, musste ich halt 'runter springen, wenn jemand kam. F: Wie sah ein normaler Tagesablauf ungefähr aus? A: Nichts Besonderes. Ich musste halt die Hausarbeit und den Laden machen. Und Heu haben wir auch noch gemacht. Wir haben es schon sehr streng gehabt! ... Morgens bin ich meistens um sechs Uhr aufge- standen. Dann habe ich das Morgenessen gemacht. Und Hühner und Säue haben wir auch noch gehabt, die man füttern musste. Um acht Uhr hab ich dann den Laden aufgemacht. Und halt aufgeräumt hab ich auch noch. Dann sind die Leute in den Laden gekommen. Die Frauen kamen vormittags einkaufen. Beim Mittag- essen kochen musste ich zwischendrin auch immer wieder in den Laden. Am Nachmittag war ich das eine Mal daheim - bei Regenwetter ganz sicher - das andere Mal war ich auf dem Feld. Da haben wir ge- schlossen. Als der Vater noch gelebt hat, blieb er dann im Laden. 121
        

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