FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 ANHANG / INTERVIEWS / CLAUDIA HEEB-FLECK A: Soviel ich noch weiss, haben wir ungefähr um acht Uhr angefangen bis zwölf Uhr und von halb zwei - daran kann ich mich noch erinnern - bis um sechs Uhr glaube ich. F: Wie waren die Arbeitsbedingungen während der Lehr- zeit? A: Man ging nicht in eine Schule nebenbei. Es gab keine Gewerbeschule, man ging einfach arbeiten und erlernte es auf diese Art. Wir haben Mäntel, Kostüme und Kleider jeder Art gemacht. Ich habe es dort gut gelernt. F: Gab man Ihnen genug Zeit etwas zu lernen und zu üben, oder waren sie eher eine billige Arbeitskraft? A: Ich musste schon alles machen, aber dabei lernte ich auch viel. Die Schneiderin, die mich ausgebildet hat, hat mir schon alles beigebracht, was ich machen musste, wie man säumt und bügelt. Da hat man viel mehr Arbeit ge- habt - das kann man sich gar nicht vorstellen, was da al- les an einem Kostüm genäht wurde. Das wäre mit den heutigen Löhnen gar nicht mehr zahlbar! Man hat es fast für nichts gemacht, ohne sich zu überlegen, ob man etwas dabei verdient oder nicht. Man verlangte schon einen rechten Preis, aber einen Stundenlohn hat es in dem Sinn nicht gegeben. F: Wie war Ihr Verhältnis zu B.s? A: Sie war im Laden und ihre Mutter auch - die machte eigentlich den Haushalt. Herr B. arbeitete ausserhalb. Es waren nette, fröhliche Leute, die gern und gut gesungen haben. Es war angenehm. F: Wohnten Sie noch daheim? A: Ja. Gegessen habe ich auch zuhause. F: Was haben Sie nach Beendigung der Lehre gemacht? A: Zuerst war ich ein paar Monate zuhause. Dann ging ich ein halbes Jahr zur Ausbildung zu Wildis in die Schweiz. Dort war ich vom 1. November 1929 bis zum 1. Mai 1930. Die hatten immer nur Ausbildungstöchter, weil sie auch nichts gezahlt haben. F: War das eine weiterführende Ausbildung? A: Ja, man musste dort selbständig arbeiten. Bei B.s habe ich natürlich schon noch Anleitung bekommen - was ich machen soll, ob es recht sei und wie ich es ma- chen soll. F: Und Sie haben keinen Lohn bekommen? A: Nein. Aber ich konnte bei ihnen essen und schlafen. Das war in der Schweiz, in Wohlen. Danach habe ich noch irgendwann einen Zuschneidekurs gemacht. F: Bekamen Sie die Aufenthaltsbewilligung ohne Pro- bleme? A: Ja, ohne Problem. F: Was haben Sie dann gemacht? A: Dann habe ich selber angefangen. F: Wie ging das vor sich? A: Das war bei uns zuhause - alles in der Wohnstube. So brauchte man nichts zu mieten. Man hatte die Nähma- schine, den Tisch zum Schneidern und Bügeln usw. 
F: Brauchten Sie eine Genehmigung, um sich selbständig machen zu können? A: Aufgrund vom Lehrbrief als Damenschneiderin konnte ich alleine beginnen und eine Lehrtochter haben. Die Ausbildung reichte dazu. F: Finanzierung? Hatten Sie beispielsweise schon eine Nähmaschine? A: Ja. Später habe ich mir eine neue gekauft. Lange brauchte ich eine einfache Nähmaschine ohne Zick-zack. Man hat lange alles von Hand ausgearbeitet. Verdient hat man - mein Gott! Wenn man die Stunden gerechnet hätte, hätte man nichts verdient! Sonst hat man schon noch einen rechten Preis machen können. F: Wieviel verlangten Sie damals für ein Kostüm oder ein Kleid? A: Ein Kleid zirka 25 oder 30 Franken. Man schätzte die Arbeit ein und verlangte einen Preis. Ich hatte eine gute Kundschaft, die auch zahlen konnte. Aber man hat halt einfach nicht mehr verlangt, weil es nicht Mode war. Man blieb im üblichen Rahmen. Was man da gearbeitet hat! Ich darf nicht dran denken - manchmal halbe Nächte lang. Ich musste ja auch die Arbeit für die Lehrtochter vorbereiten, zuschneiden. F: Für Sie als Selbständige gab es also keine fixen Arbeits- zeiten? A: Nein, man arbeitete, bis man fertig war und so, dass die Lehrtochter am nächsten Tag wieder Arbeit hatte. F: Halfen Ihre Schwestern oder Ihre Mutter Ihnen, wenn Sie überlastet waren? A: Nein, die eine Schwester war im Büro und die andere auf der Post. Wenn sie nach Hause kamen, halfen sie der Mutter im Haushalt. F: Waren Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden? A: Ja, ich habe es gerne gemacht. Doch es war für alle an- strengend! Für meine Mutter - und meine Schwester, die dann auch eine Bekanntschaft gehabt hat. Und die Stube habe ich gebraucht. Es wurde einem auch bewusst, dass man dabei sehr wenig verdiente. Die anderen brachten den Lohn nach Hause und bei mir ging das einfach so - ohne, dass ich aufgeschrieben hätte, was ich diesen Monat verdient habe. Es wurde vornweg wieder gebraucht. Heute würde man das gar nicht mehr machen! Das käme gar nicht mehr in Frage. Später habe ich bei Herr F. Ma- schinenschreiben und Stenographie gelernt. Ab und zu arbeitete ich dann dort. Später suchte Dr. M. jemanden. Da habe ich mich entschlossen, ins Büro arbeiten zu gehen. F: Haben Sie sich also vor allem wegen des geringen Ver- dienstes entschlossen zu wechseln? A: Ja, vorwiegend. Es war ein wahnsinniger Kräftever- brauch! Die halben Nächte genäht und - relativ gesehen - nicht mehr verdient als die anderen, die um sechs Uhr Feierabend gehabt haben. Und ich bin immer noch dran gewesen! Die haben am Samstagmittag frei gehabt und ich nicht. Da habe ich mir gesagt, dass das jetzt aufhören 117
        

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