FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 ANHANG / INTERVIEWS / CLAUDIA HEEB-FLECK von Maria. Die Wäsche haben wir von der Triesner Fabrik geholt - da war es billiger. Vielmehr den Stoff, genäht haben wir selber. F: In der Freizeit hast Du auch noch gearbeitet? A: Ja, am Samstag hat man noch aufs Feld müssen. Manchmal, wenn ich um 6 Uhr heimgekommen bin, hat meine Mutter gesagt: «Komm, wir gehen noch aufs Feld ...» F: Träume, Vorstellungen, was Du nach der Schule gerne gemacht hättest? A: Ich wäre gerne Damenschneiderin geworden. Aber als mein Vater gestorben ist, musste ich halt in der Fabrik bleiben. Meine Mutter sagte, ich könne nicht fort, sonst müsse sie ins Armenhaus. F: Hättest Du nicht gleich nach der Schule Damenschnei- derin werden können? A: Das hat man damals noch nicht gekonnt. Das haben wir uns nicht leisten können. Damals musste man für eine Lehre noch zahlen. F: Hast Du erst 1935 Deiner Mutter gesagt, dass Du Damenschneiderin werden willst? A: Ja. Als mein Vater gestorben ist, wollte ich noch fort. Ich hatte schon gleich nach der Schule Damenschneiderin werden wollen, aber sie haben halt den Lohn daheim ge- braucht. Bei uns ist niemand in die Lehre gegangen. F: Die Brüder auch nicht? A: Die haben einen Handlangerlohn gehabt. Sie haben keine bestimmte Lehre gemacht. Nur der Jüngste hat eine richtige Lehre gemacht. F: Ist es für Dich nie in Frage gekommen, als Dienstmäd- chen zu arbeiten? A: Nein, ich konnte ja nicht fort von daheim. Zuerst, als ich aus der Schule gekommen bin, ist es ja überhaupt nicht in Frage gekommen. F: Warum? A: Weil wir es uns nicht leisten konnten. Als Dienstmäd- chen hat man nicht viel verdient. Weniger als in der Fa- brik. F: Wieviel hat man als Dienstmädchen verdient? A: Ich habe eine Liechtensteinerin gekannt, die in Arosa gedient hat. Sie hat 20 Franken im Monat gehabt. Sie musste auf dem Dachboden schlafen, wo sie fürchterlich gefroren hat. ... Früher haben es die Dienstmädchen nicht gut gehabt. F: Dann bist Du also lieber in die Fabrik? A: Ja, da hat man wenigstens am Abend warm gehabt. F: Hättest Du nicht z. B. Serviertochter werden wollen? A: Nein, das hatte ich nicht wollen. 
KURZFASSUNG DES INTERVIEWS MIT H.B., DAMENSCHNEIDERIN, HERBST 1986 F: Was machten Ihre Eltern beruflich? A: Mein Vater ist verhältnismässig jung gestorben. Wir sind alle drei noch in die Schule gegangen. Damals gab es noch keine AHV oder Rente. Unsere Mutter hat dann mit einem «Lädeli» angefangen. ... Von diesem Laden haben wir eigentlich gelebt. Daneben haben wir noch ein biss- chen Landwirtschaft betrieben. Ein lediger Bruder vom Vater lebte noch bis zu seinem Tod bei uns. F: Was war das für ein Laden? A: Es war eine Gemischtwarenhandlung. Das ging von Brot bis zu Wäsche, Merceriewaren und Lebensmitteln. Nach der Schule sind wir immer in Sevelen Brot holen ge- gangen, mit einem Handwagen. Am Abend blieb man halt manchmal bis um 22 Uhr im Laden stehen. Da gab es noch keinen Ladenschluss. Wenn die Leute zum Beispiel vom Feld zurückkamen, gingen sie noch im Laden vorbei. Man redete lange zusammen und tauschte Probleme aus. Dann wurde es eben manchmal neun oder zehn Uhr bis unsere Mutter vom Laden kam. F: Halfen Sie schon als Kinder im Laden mit? A: Ja, natürlich, wenn die Mutter zum Beispiel aufs Feld ging. Wir hatten ja auch ein paar Hühner und Schweine. Man hatte ein bisschen von allem, wie das früher halt so war. Und dann pflanzten wir auch: Kartoffeln, Bohnen. Gemüse und Mais. Wir hatten zwei Stück Boden. Das wurde alles noch nebenbei gemacht. Nach der Schule mussten wir oft unsere Mutter abholen, wenn sie viel zum Tragen hatte. F: Schulbildung? A: Wir gingen alle drei in die Realschule. Meine ältere Schwester war das einzige Mädchen von ihrer Klasse, das sich für die Realschule entschlossen hatte. (Im ganzen waren es drei, zwei von Triesen.) Als ich kam, waren es schon sechs. Die Realschule war in Vaduz. Man kam von überall her. Meistens gingen Buben in die Realschule, Mädchen nur selten. F: Sie und Ihre Schwestern waren in dieser Hinsicht also eine Ausnahme? A: Ja. Die ältere Schwester wollte von sich aus hingehen. Dann wollte ich ihr natürlich folgen und so ging es auch der jüngeren Schwester. Das waren von der sechsten Klasse an drei Jahre für die Buben und zwei Jahre für die Mädchen. Die Buben mussten damals neun Jahre in die Schule und die Mädchen nur acht (freiwillig konnten aber auch die Mädchen die 3. Klasse Realschule besu- chen. So, wie die Mutter war, wollte sie niemals mich zwingen). Stenographie und Französisch waren obliga- torisch. Englisch war Freifach ... Als meine Schwester aus der Schule kam, ging sie zur Post. Als ich an die Reihe kam, sagte die Mutter: Wenn drei Mädchen da 115
        

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