FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 ANHANG / INTERVIEWS / CLAUDIA HEEB-FLECK KURZFASSUNG DES INTERVIEWS MIT K.H., HERBST 1986 F: Schulbildung? A: Ich bin 8 Jahre in die Alltagsschule. Danach 2 Jahre in die Fortbildungsschule und 3 Jahre sonntags in die Chri- stenlehre - aber nur im Winter... Die, die sich ein Rad lei- sten konnten, konnten in die Realschule gehen, aber es waren nicht viele. Von uns niemand. Wir konnten es uns nicht leisten. F: Welche Möglichkeiten hattest Du nach der Schule? A: Zuerst war ich im Restaurant Linde. Dort habe ich in der Küche und im Haushalt geholfen. Von Frühling bis August. Dann bin ich in die Spoerry-Fabrik nach Arbeit fragen. Ich habe Herrn Spoerry persönlich gefragt, auf der Strasse. F: Welche Vorstellung, Einstellung hattest Du zur Fabrik- arbeit? A: Zuerst habe ich mich gefreut, dass ich eine Stelle bekom- men habe. Dazumal war es noch schlecht mit der Arbeit. Ich bin ja gern gegangen. Zuerst bin ich zu einem Spinn- meister gekommen, da musste ich aufstecken, vier Monate lang, mit 38 Rappen pro Stunde. Sobald man es besser konnte, bekam man Aufbesserung, 40 Rappen pro Stunde. Nach einem Jahr bin ich zu den Drosseln (Ringspinnma- schinen) gekommen, dort habe ich dann Akkord gearbeitet. Da hat man 60 bis 62 Rappen pro Stunde bekommen. F: Hast Du mit Herrn Spoerry einen Arbeitsvertrag abge- schlossen? A: Nein, keinen Arbeitsvertrag. ... Die Arbeitszeiten habe ich gekannt, dort hat man noch nicht Schicht gearbeitet. Den Lohn wusste ich nicht im voraus. Erst beim Zahltag. Ich war froh, dass ich überhaupt Arbeit hatte. F: Wie waren die Arbeitsbedingungen? Z.B. Arbeitszeiten? A: Von 7 Uhr bis 11.30 Uhr, dann bis 1 Uhr hatten wir Mittagspause. Später haben wir Schicht gearbeitet, mor- gens von 5 bis nachmittags um 2 Uhr, die nächste Schicht bis abends um 10 Uhr. F: War Schichtarbeit strenger? A: Das kam auf das gleiche heraus. Bei Schicht hat man halt nur 8 Stunden gearbeitet. Dazwischen hat es keine Pause gegeben. Man musste zwischenhinein essen. F: Auf den Stundenplänen ist aber eine halbe Stunde Pause angegeben. A: Das haben wir noch nicht gehabt. Man konnte die Ma- schine nicht alleine laufen lassen. F: Hat niemand eine Pause verlangt? A: Der Arbeiterverband ist erst später gekommen. Dort hat noch niemand reklamiert, das hat niemand getraut. Jenny & Spoerry haben es nicht gerne gesehen, wenn je- mand zum Arbeiterverband ist. Da hat man halt manch- mal eine Versammlung gehabt, aber gemacht worden ist für uns nichts. 
F: Ab wann habt Ihr Schicht gearbeitet? A: Schon unter dem Krieg. Anfangs Krieg hat man dann viele ausgezahlt, es ist halt nicht mehr so gut gelaufen, der Absatz war nicht mehr so gut. Wenn aus einer Fami- lie zwei gegangen sind, musste das eine zu Hause bleiben. F: Kam es in dieser Zeit viel zu Entlassungen? A: Sonst schon nicht, erst als der Krieg angefangen hat. F: Hattest Du Angst um Deinen Arbeitsplatz? A: Nein, das musste ich nicht haben. Auch nicht, wenn man einmal krank war. Ich bin z.B. drei bis vier Frühlinge krank gewesen, jedes Mal musste ich 3 Monate aussetzen. Und dann konnte man wieder kommen, weil man ja in der Krankenkasse gewesen ist. Dann waren sie froh, wenn man wieder zurückgekommen ist. Jenny & Spoerry hat eine eigene Krankenkasse gehabt. ... Damals hat es ja nur eine Liechtensteiner Krankenkasse gegeben und eben die Firma. F: Hat die Krankenkasse problemlos gezahlt als Du krank warst? A: Ja, aber nur 50 Prozent vom Verdienst. Wenn man einen Unfall gehabt hatte, hatte sie 80 Prozent bezahlt. F: Kannst Du Dich noch an Arbeitsunfälle erinnern? A: Es hat schon solche gehabt, die die Finger hineinge- bracht haben und sie dann gequetscht haben. Gerade bei den Männern. Wir haben ja beim Getriebe selbst nichts zu tun gehabt. Nur am Samstag mussten wir immer das Ge- triebe putzen. Da ist man eine halbe Stunde vorher in die Fabrik gegangen und hat geputzt. Nicht unter der Zeit! Da durfte man nicht putzen. Man musste halt die Maschine dazu abstellen - wenn man Akkord gehabt hat, stellt man halt so wenig wie möglich ab. F.- Sonstige Arbeitsumstände? A: Es wurde sehr staubig. Es hat schon Absaugeanlagen gehabt, aber herzlich wenig. Der Staubkanal hat nicht al- les abgezogen. Bei der Maschine musste man jeden Tag zweimal abstauben. Es hat Brausen gehabt, die ganz fein Wasser versprenkelt haben. Im Sommer haben sie eine Zeitlang die Mode gehabt - weil ihnen das Garn zu brü- chig wurde - in alle Gänge Wasser zu legen. Da ist man den ganzen Tag im Wasser gestanden. Aber das haben sie schnell wieder aufgehört. Ich weiss nicht, wer reklamiert hat. Das war zirka 1940/41. ... Im Winter bin ich auch über Mittag in der Fabrik geblieben und habe mein Mit- tagessen dort gewärmt. Eine Zeitlang haben wir in der Schmiede gegessen. Das war eine russige Bude! Dort sas- sen wir drin über Mittag, bis einmal ein Schreiner gesagt hat, wir sollen doch in die Schreinerei, da sei es noch ein bisschen schöner als in der schwarzen Schmiede. F: Hat es bei Jenny, Spoerry & Cie auch eine Ausbildung gegeben? Sind Frauen z.B. als Spinnerinnen oder Webe- rinnen ausgebildet worden? A: Nein, man hat es einfach bei den anderen gelernt - bis man es recht konnte. Dann hat man eine eigene Maschine bekommen. 113
        

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