FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 ANHANG / INTERVIEWS / CLAUDIA HEEB-FLECK A: Nein, keinen Vertrag. Es waren mündliche Vereinba- rungen. F: Was haben Sie abgemacht? Den Lohn...? A: Ja, den Lohn. 50 Franken und später dann 100 Fran- ken. Das hat sich schon gesteigert. Aber erst natürlich nur 50 Franken - wenn man gerade aus der Schule kommt... Ich meine, was man daheim gelernt hat - erstens hat man ganz anders gekocht. Das habe ich alles dort gelernt. F: Haben Sie Abmachungen über die Arbeitszeit getroffen? A: Man hat einem einen Tag freigeben müssen - das wur- de von der Fremdenpolizei kontrolliert. Das musste man immer einschreiben. Auf Rigi war dann mehr Saisonbe- trieb. Im Grandhotel, wo der Chef und die Chefin arbeite- ten, da war ich für die zwei Kinder zuständig - ein Zwei- und ein Fünfjähriges. F: Sonst mussten Sie nichts machen? A: Nein, ich hätte manchmal gern irgendwo geholfen. F: Unterkunft an Ihrer ersten Stelle? A: Zwei Zimmer für das Küchenmädchen, die Servier- tochter und mich. Es war schön - man hatte fliessendes Wasser und im Winter konnte man heizen. F: Haben Sie dort auch schon serviert? A: Nein. Das durfte man nicht. Da haben sie ja nie eine Stelle bekommen für den Service... F: Warum nicht? A: Ja, weil es in der Schweiz Arbeitslose gegeben hatte. Bei uns hatte man fast keine Arbeit - es war eigentlich schlimm. F: Haben Sie gemeinsam gegessen? A: Die Herrschaft hat im Restaurant gegessen und wir in der Küche. Wir haben das gleiche Essen bekommen. Ich habe nirgendwo schlechtes Essen bekommen... F: Konnten Sie essen soviel Sie wollten? A: Ja. (Das war aber nicht überall so!) Auf Rigi haben alle miteinander gegessen. Der Gerant, seine Frau, ein Doktor, die Kinder und ich. F: Sind Sie direkt nach der Schule nach Zürich? A: Ja. Das war anno 28. F: Wieso gingen Sie von Zürich weg? A: Einmal will man wieder wechseln. Man kann nicht ewig am gleichen Ort bleiben. F: Das Arbeitsklima hatte Ihnen gefallen? A: Ja, das war in Ordnung. F: Wie war das Verhältnis des Personals untereinander? A: Wir hatten wenig miteinander zu tun. Mit dem Küchenmädchen noch mehr als mit der Serviertochter. Die ist am Abend ins Bett und am Morgen musste sie auf- stehen. Wir sind gewöhnlich früher aufgestanden - so um halb sieben. F: Wie hat der Tagesablauf bei Ihnen ausgesehen? A: Zuerst habe ich das Restaurant abgestaubt. Dann habe ich das Kind gewaschen und angezogen. Dann bin ich mit ihm spazieren gegangen. Danach hat das Kind geschlafen und ich habe in der Küche geholfen. Am Nachmittag bin 
ich wieder spazieren gegangen. Am Abend habe ich früh Feierabend gehabt. F.- Konnten Sie nach Feierabend fort? A: Nein, da musste man fragen. Die haben halt auf- gepasst - das hat man halt früher nicht gern gehabt. Und ein Mädchen allein, wo sollte man da hin? Leute hat man wenig gekannt. F: Was haben Sie normal am Abend gemacht? A: Handarbeiten... und meistens ist man früh ins Bett. F: Was haben Sie in Rigi verdient? A: An beiden Stellen 100 Franken. F: Was haben Sie mit Ihrem Lohn gemacht? A: Den musste man heimschicken. F: Haben Sie etwas für sich zurückbehalten? A: Einmal hat man das gebraucht, das andere mal jenes. Und den Rest hat man heimgeschickt. Als ich serviert habe, konnte ich den Lohn behalten - für die Aussteuer. F: Wie gross war der Aufwand für die Aussteuer? A: Sieben- bis achttausend Franken mit allem Drum und Dran. F: War es üblich, dass junge Frauen sich die Aussteuer selber verdienten? A: Ja, die meisten. F: Welche Bedeutung hatte Ihr Lohn für Ihre Familie? Sind Sie die einzige gewesen, die verdiente? A: Nach mir kamen zwei Brüder, die in der Lehre waren. (Ich weiss nicht, man musste damals, glaub ich, noch für die Lehre zahlen.) Die eine Schwester ist mit der Zeit auch in die Schweiz gegangen - aber sie war sechs bis sieben Jahre jünger und die andere Schwester war zehn Jahre jünger. F: Wann kamen Sie nach Liechtenstein zurück? A: Anno 1935. F: Warum kamen Sie zurück? A: Auf Rigi hat es mir nicht mehr gepasst. Es war schön, aber, wissen Sie, wenn man immer oben ist! Und in der Zwischensaison, wenn niemand da war. ... Einmal hatten die Kinder Grippe. Da bin ich drei Monate nicht rausge- kommen. Da hat der Doktor gesagt, dass, wenn sie mich jetzt nicht bald an die frische Luft lassen würden, würde ich auch noch krank. Ich habe die ganze Saison nie frei gehabt. Als die Kinder wieder gesund waren, sind wir je- den Tag spazieren gegangen. Auf Rigi habe ich sowieso nie während der Saison frei gehabt. Das war anders als in Zürich. Es war halt Saison - bis März. Dann putzten die Angestellten noch und dann konnte man einen Monat heim. Da habe ich mich gefragt, was soll ich da noch mal hinauf und habe abgeschrieben. Wissen Sie, es war schon etwas langweilig. Ich musste schon stricken, auch am Abend. Früher hatte man ja gestrickte Strümpfe und Ho- sen. Unterhaltung hat es keine gegeben. Nur, wenn Ball war - da konnte man schauen gehen. F: 1935 sind Sie zurück nach Liechtenstein. Haben Sie sich nicht überlegt, wieder irgendwo in der Schweiz ar- beiten zu gehen? 111
        

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