Im Zentrum des öffentlichen Bewusstseins stand die Arbeitsmarktsituation der Männer. Die staat- liche Arbeitsmarktpolitik orientierte sich beinahe ausschliesslich an den Männern. Mit Notstands- arbeiten bzw. öffentlichen Arbeiten wie dem Bin- nenkanalbau, Rheinverbauungen oder Strassen- bauten versuchte der Staat die männliche Arbeits- losigkeit zu lindern. Praktisch die einzige Arbeits- beschaffungsmassnahme, die auch Frauen zugute kam, war die Förderung des Schneidergewerbes durch die Schaffung einer Einheitskleidung für die liechtensteinische Schuljugend. Die Entwicklung des für Liechtenstein so wichtigen schweizerischen Arbeitsmarktes interessierte ebenfalls vornehmlich im Hinblick auf die Auswirkungen für die männ- lichen Saisonarbeiter im Baugewerbe.471 Das primäre Interesse des Staates an einer Verbes- serung der Arbeitsmarktsituation der Männer in Verbindung mit der Vorstellung, der «naturgege- bene» Arbeitsbereich der Frau sei LIaus und Hof, führte dazu, dass die staatliche Arbeitsmarktpolitik Frauen noch stärker in die typisch weiblichen Berufe abzudrängen versuchte und sich im indu- striellen und gewerblichen Sektor einseitig auf die Förderung der männlichen Erwerbstätigkeit kon- zentrierte. Bezüglich der Frauenarbeit ging es vorderhand darum, die bestehenden Strukturen, in erster Linie die noch starke Verhaftung der Frauen im ländlich- häuslichen Bereich festzuschreiben. In diesem Zu- sammenhang wurde wie in der Schweiz vermehrt die «wahre Bestimmung der Frau» zur Hausfrau, Gattin und Mutter propagiert; nur dass im länd- lichen Liechtenstein, wo es noch kaum eine Mittel- schicht gab, das gesellschaftliche Umfeld ein ganz anderes war als in der Schweiz. Bürgerliche Ge- schlechterideologie und ländliche Realität standen hier in einem grösseren Spannungsverhältnis. Die zunehmende Verinnerlichung des zur Norm erklär- ten bürgerlichen Frauenbildes führte in Liechten- stein zu sehr widersprüchlichen Rollenanforderun- gen an Frauen. Sie sollten ihren Arbeitsanforde- rungen als Bäuerinnen gerecht werden und gleich- zeitig auch immer mehr die bürgerlichen Vorstel- lungen einer Hausfrau, liebenden Gattin und Mut-ter 
erfüllen, die - in sich schon widersprüchlich472 - teilweise kaum mit der bäuerlichen Realität zu vereinbaren waren. Diese zusätzlich gestellten An- forderungen bedeuteten eine Mehrbelastung für die im ländlich-häuslichen Bereich arbeitenden Frauen, deren Alltag durch die schwierigen wirt- schaftlichen Verhältnisse der Zwischenkriegsjahre ohnehin von einer immensen zeitlichen und kör- perlichen Arbeitsbelastung geprägt war. Des weiteren verkürzte sich im Zusammenhang mit der zunehmenden Präsenz des bürgerlichen Frauenbildes der Blickwinkel und die Wahrneh- mung der Frauenarbeit immer mehr auf den Llaus- halt im engeren Sinne, obwohl die Realität diesem Bild kaum entsprach. Beredter Ausdruck dieser verkürzten Sichtweise ist die liechtensteinische Landesausstellung von 1934. Die im Vergleich zur Schweiz festgestellten spezifi- schen Merkmale liechtensteinischer Frauenarbeit hingen hauptsächlich mit den unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausgangs- bedingungen dieser beiden Länder zusammen. Ge- wisse Unterschiede sind auch auf wirtschaftliche Entwicklungsverzögerungen zurückzuführen; so erklärt sich zum Beispiel das viel kleinere weib- liche Berufsspektrum in Liechtenstein zum Teil mit dem damals noch wenig entwickelten und Frauen kaum zugänglichen Sozial-, Gesundheits- und Bürowesen. Die Zwischenkriegszeit stellte in bezug auf die Frauenarbeit eine Schwellenzeit dar. Hier nahmen wirtschaftliche Entwicklungen und Umstrukturie- rungen ihren Anfang, die die häusliche und ausser- häusliche Frauenarbeit nach dem Zweiten Welt- krieg sehr stark und sehr rasch veränderten. Im Hinblick darauf wäre es interessant, die Entwick- lung der Frauenarbeit vom Zweiten Weltkrieg an bis heute zu untersuchen: Welche spezifischen Ver- änderungen und Probleme brachte die rasante Ent- wicklung vom relativ armen und wenig industriali- sierten Liechtenstein der Zwischenkriegszeit zum hochindustrialisierten, reichen Liechtenstein von heute mit sich? Wie wirkte sich die staatliche Wirt- schaftspolitik, der aufgrund der Kleinheit Liechten- steins für die Entwicklungsrichtung eine besonders 104
        

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