FRAUENARBEIT IN LIECHTENSTEIN 1924 BIS 1939 BÄUERINNEN / CLAUDIA HEEB-FLECK zifischen Arbeitsrollen kam es vor allem bei der Feldarbeit und der Kleintierhaltung: Während der Erntezeit arbeiteten Frauen, Männer und Kinder gemeinsam auf dem Feld, wobei die einzelnen Familienglieder oder auch LIilfskräfte je nach Alter und Geschlecht verschiedene Arbeiten ausführten. So schildert WS. die Arbeitsteilung bei der Heuernte, die in der Zwischenkriegszeit ohne Heubelüftung und meist auch ohne Maschinen noch sehr aufwendig und arbeitsintensiv war, fol- gendermassen: «Als der Vater gemäht hatte, muss- ten wir mit der Gabel das Gras auseinanderwerfen und am Nachmittag musste man es mit dem Re- chen kehren. Am Abend mussten wir es  und wenn man sah, dass das Wetter schlecht wur- de, machten wir . (...) Früher... brauchte man drei Tage, bis man das Heu mit heimnehmen konnte. (. . .) Die Männer waren stärker - die muss- ten das Heu auf den Wagen hochgabeln. Meistens musste eine Frau Heu laden und die anderen muss- ten nachrechen und zusammenräumen, was man verloren hat. Und jemand musste . Das hat niemand gern gemacht! (...) Und je- mand musste immer das Ross halten und wieder weiterführen, wenn aufgeladen war. Zuletzt musste man einen dicken  herauftun und ein dickes Seil und binden. (Fliegen wehren> mussten meistens Kinder.»457 Auch beim Gemüse- und Kartoffeln-Ernten oder beim Bestellen der Felder - meist ohne Maschi- nen458, alles arbeitsintensive und körperlich an- strengende Arbeiten - arbeiteten Männer, Frauen und Kinder zusammen.459 Der selbstverständlichen Mitarbeit der Kinder in der Landwirtschaft - Mäd- chen auf dem Feld und im Haushalt, Buben auf dem Feld und im Stall - wurde auch in der Schule mit einem reduzierten Sommerstundenplan Rech- nung getragen. Bei der Kleintierhaltung (vor allem Hühner und Schweine) fiel die Fütterung in den Zuständigkeits- bereich der Bäuerin, während die Stallarbeit der Mann verrichtete. Das Füttern der Hühner bean- spruchte sehr viel Zeit. Fürs «Hennenpolt», ein Gemisch aus Kartoffeln, Kleie und lauwarmem Wasser, musste die Bäuerin Kartoffeln kochen und 
hobeln bzw. zerdrücken. Nachmittags streute sie den Hühnern Körner, die sie häufig zuerst durch eine Maschine laufen liess, um sie aufzubrechen. Melken galt als Männerarbeit, doch bestand hier in der geschlechtsspezifischen Zuschreibung eine ge- wisse Flexibilität, so dass beispielsweise in Fami- lien ohne Söhne häufig die Töchter melken lernten. Das Grossvieh versorgten im Normalfall die Män- ner. Wenn Frauen den landwirtschaftlichen Betrieb hauptsächlich alleine führten, da ihre Ehemänner auswärts arbeiteten, hatten sie, nach Angaben von W.S., meist kein (Gross-)Vieh: «Das hat es schon häufiger gegeben. Da hat die Frau etwas gepflanzt und versorgte die Kinder. Die Männer kamen 451) Art. 2 clor Slatutcn des Liechtensteiner Bauernvereins. \92l. 452) Zusammenstellung aus den Mitgliederverzeichnissen des LBV Jahr Total der Mitglieder Weibliche Mitglieder 1924 688 16 oder 17 (ca 2,4%) 1934 392 17(ca4,3%) 1938 447 20(ca4.5%) 1939 453 20 (ca 4,4%) aus: Mitteilungen des LBV, 1924-1939 Angaben über mögliche Ursachen des starken Mitgliederverlustes zwischen 1924 und 1934 habe ich nicht gefunden. In der Festschrift zur Hundertjahr-Feier beispielsweise wird nur erwähnt, dass der LBV in den dreissiger Jahren wieder den «normalen Bestand» (wie vor dem Ersten Weltkrieg) erreicht habe. 453) Mitgliederverzeichnisse des LBV. Die handschriftlichen Mitglie- derlisten führten teils neben Namen und Eintrittsdatum auch den Beruf auf, woraus ersichtlich wird, dass dem Bauernverein nicht nur Landwirtinnen angehörten. 454) Anhang, Interview mit J.K.. S. 127, Hervorhebung von mir. 455) Statuten des Liechtensteiner Bauernvereins, 1927, Art. 2, 8, 29 und 31. 456) Festschrift zur Hundertjahr-Feier, S. 73f. Statuten des Verban- des Liechtensteiner Bäuerinnen... 457) Anhang, Interview mit W.S., S. 130. 458) Belriebszählung 1929, Landwirtschaft; 561 Betriebe mit landwirtschaftlichen Maschinen: 479 Milchzentrifugen 4 Pferderechen 135 Mähmaschinen 3 Dreschmaschinen 104 Heuwender 2 Sämaschinen 25 Kartoffelmaschinen 122 Mostereimaschinen 459) Zu den folgenden Ausführungen vgl. die Interviews mit J.K. und WS. 99
        

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