blick des Ganzen» verschaffen.6 Sie handelte im Namen des Fürsten und alle ihre Anordnungen wa- ren so zu respektieren, als ob sie von ihm ausgin- gen, «wesshalb ich (der Fürst) auch jede Verletzung der Autorität meiner Hofkanzlei so ahnden würde, als wenn sie gegen meine Person gerichtet gewesen wäre.»7 Die Hofkanzlei beschäftigte im Vormärz dreizehn bis fünfzehn Beamte. An der Spitze stand der «diri- girende Hofrath», ihm folgten im Rang ein Wirt- schaftsrat (nach 1832 zwei Wirtschaftsräte) und zwei Sekretäre.8 Weitere Beamte waren ein Regi- strator, ein Protokollist, ein Konzipist und mehrere Kanzlisten. Die fürstliche Hofkanzlei war eine Kollegialbehör- de. Die Hofkanzleibeschlüsse wurden vom «Hof- kanzleigremium» gefällt, das aus dem dirigieren- den Hofrat, dem Wirtschaftsrat und den beiden Se- kretären bestand. Zweimal wöchentlich traten die- se Beamten zu den Kanzleisitzungen zusammen, an denen alle wichtigen Angelegenheiten entweder direkt entschieden oder mindestens vorberaten wurden, um sie dann dem Fürsten zur Entschei- dung vorzulegen. Bei Hofkanzleibeschlüssen ent- schied die einfache Stimmenmehrheit, wobei bei Stimmengleichheit der Hofrat den Stichentscheid hatte.9 Das kollegiale Entscheidungsverfahren ziel- te darauf ab, die Sachlichkeit der Verwaltung zu ge- währleisten. Kein Beamter sollte wichtige Entschei- dungen allein treffen können, und alle ranghöch- sten Beamten sollten stets einen Überblick über das «Ganze» der fürstlichen Verwaltung haben. Die Nachteile des Kollegialprinzips zeigten sich im umständlichen und zeitraubenden Geschäftsgang. Die bei der fürstlichen Hofkanzlei in Wien eintref- fenden Schreiben - formal waren diese seit 1815 an «Seine Durchlaucht» und nicht mehr an die «Wohllöbliche fürstliche Hofkanzley» zu richten10 - wurden vom dirigierenden Hofrat geöffnet und ein erstes Mal zur Kenntnis genommen.11 Darauf wur- den die Schreiben dem Protokollisten und dem Re- gistrator und schliesslich einem Sachbearbeiter zu- gestellt. Dieser hatte einen Erledigungsentwurf 
auszuarbeiten, der, sofern die Angelegenheit nicht routinemässig erledigt werden konnte, mit dem Vermerk «ad referendum» versehen und dem Hof- kanzleigremium zur weiteren Beratung vorgelegt werden musste.12 Die Erledigungsschreiben wur- den schliesslich sauber abgefasst und wie die ein- treffenden Schreiben registriert und protokolliert. Diese Schreiben, die sog. «Rescripte» oder «De- krete», mussten am Schluss den Vermerk «Ad Mandatum Serenissimi» tragen und von den drei ranghöchsten anwesenden Hofkanzleigremialen unterschrieben werden.13 Da nicht nur die Hofkanzlei, sondern jede fürstliche Behörde nach dem Kollegialitätsprinzip aufgebaut war, traten häufig Verzögerungen auf, die eine ra- sche Erledigung der Geschäfte verunmöglichten. Die «Vielschreiberei» wurde häufig beklagt. Im Laufe des Vormärz wurden zwar wiederholt Versu- che unternommen, die Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Beamten zu differenzieren, einzelne Auf- gaben zu delegieren und übertriebene (Kontroll-) Formalismen abzubauen, eine grundsätzliche Re- organisation der fürstlichen Hofkanzlei fand jedoch im Vormärz nicht statt.14 Zur Straffung des Ent- scheidungsprozesses wurde durch die Hauptin- struktion von 1838 für Ausnahmefälle ein «präsi- diales Verfahren» eingeführt, das dem dirigieren- den Hofrat erlaubte, in dringenden Fällen allein zu entscheiden.15 Von einigem Interesse erscheint die Frage, in wel- chem Masse die Fürsten selbst in das Verwaltungs- geschehen eingriffen und welchen Einfluss die Hof- kanzlei auf die Entscheidungen der Fürsten nahm. Stekl meint, dass die Fürsten des Hauses Liechten- stein (und darüber hinaus die Wiener Hocharisto- kratie ganz allgemein) im 17. und 18. Jahrhundert kein Interesse an den konkreten Verwaltungsge- schäften ihres Besitzes zeigten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe sich hier eine Wende ange- bahnt. Neben Vermögen und Herkommen hätten nun auch leistungsorientierte Kriterien den sozia- len Status mitbestimmt. «Die Kenntnis dieser Mate- rien galt nun nicht als sozial deklassierend, son- dern wurde als Beweis der Bewährung in einer sich wandelnden Gesellschaftsstruktur angesehen. 44
        

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