Naturbild projizierten Traumvorstellungen... Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Land- schaftsmalerei zur bürgerlichen Kunstgattung par excellence geworden... Die Alpen waren gewisser- massen zum  des Bürgertums geworden. Was Rousseau oder Carus noch ein existentielles Bedürfnis nach einer  Reinigung in der freien Natur war, relativierte sich zum Sonn- tagsausflug des Städters oder zum Sommerfrischen - Aufenthalt in den Bergen.»114 Daraus leitet Lucius Burckhardt in «Landschafts- entwicklung und Gesellschaftsstruktur» in der glei- chen Publikation her: «Nicht in der Natur der Din- ge, sondern in unserem Kopf ist die  zu suchen; sie ist ein Konstrukt, das einer Gesellschaft zur Wahrnehmung dient, die nicht mehr direkt vom Boden lebt. Diese Wahrnehmung kann gestal- tend und entstellend auf die Aussenwelt zurückwir- ken, wenn die Gesellschaft beginnt, ihr so gewon- nenes Bild als Planung zu verwirklichen.»115 Die Aussage der Landschaft liegt «nicht im Objekt selbst, sondern in seiner kulturellen Interpretation, im Kulturgut», durch das wir die Landschaft sehen und verstehen. «Die Kenntnis davon, dass die ge- schilderte und wahrgenommene Landschaft nicht ein natürliches, sondern ein von der Gelehrsamkeit und von der Poesie geschaffenes Gebilde ist, ver- wischte sich erst durch die moderne Verwechslung von Landschaft und Natur.»116 Bei der Entwicklung des abendländischen Landschaftsverständnisses im 19. Jahrhundert fällt vor allem auf, «wie in die- sem Zeitraum die Dialektik zwischen Natur und Landschaft weitgehend zu spielen aufhört und eine eigentliche Verwechslung zwischen dem organisch Gewachsenen und dem Artefakt stattfindet.»117 Während sich die zitierten Aussagen vornehmlich auf die österreichische Entwicklung bzw. in Ent- sprechung zu Neumann auf die Wiener Situation beziehen, bietet das sogenannte «Schweizer Haus» einen interessanten Vergleich. Hans-Rudolf Heyer schreibt in «Bauernhäuser der Schweiz»: «Wohl nicht zuletzt wegen der Bauern- hausromantik des 18. und 19. Jahrhunderts gehört die Schweiz zu den am frühesten und am gründ- lichsten erforschten Hauslandschaften Europas.»118 
«Auch das Schweizerhäuschen auf der Pfaueninsel bei Potsdam, das Karl Friedrich Schinkel errichtete und 1837 publizierte, hatte mit den Skizzen von Bauernhäusern seiner Schweizerreise von 1824 noch keine Beziehung, sondern war ein klassizisti- scher Holzbau... Die Auseinandersetzung mit dem Schweizer Bauernhaus erfolgte in der Schweiz da- mals nicht aufgrund der eigenen Vorbilder, son- dern aufgrund der Publikationen in Deutschland und England. In England veröffentlichte als erster Peter Fredrick Robinson 1822 und 1827 Bauten im Schweizer Stil, wobei es sich weniger um Bauern- häuser als um Wohnhäuser handelte. Robinsons Absicht war die Publikation von Musterhäusern für verschiedene Bauaufgaben. Er schlug sogar einen Landsitz im sogenannten Schweizer Stil vor, ein vergrössertes Chalet, so wie er auch Häuser im griechischen, palladianischen und altenglischen Stil publizierte... Der Schweizer Holzstil galt als Verkörperung des Stils einer Arkadischen Land- schaft. Diese romantische Sicht der Holzarchitektur war weit verbreitet... Die Beschäftigung mit dem Schweizerhaus war ideologisch und nicht formal, weshalb die Muster selten den tatsächlich vorhan- denen Schweizerhäusern entsprechen. Man über- nahm einige Elemente der schweizerischen Holz- baukonstruktion und entwickelte einen eigenen Chaletstil.»11'1 «Parallel dazu entwickelte sich aus dem Schweizer- haus der englischen Landschaftsgärten des 18. und 19. Jahrhunderts so etwas wie ein Schweizerhäus- chenstil als eigenartige Stilmischung. In den Ideen- magazinen des beginnenden 19. Jahrhunderts zeigte man noch Chalets oder Schweizerhäuschen neben orientalischen Tempeln oder kleinen Burg- ruinen. Später verwendete man diesen Stil für alle möglichen Bauaufgaben. Anfangs waren es Bahn- höfe, Restaurants und Ausstellungsbauten, bei de- nen Motive des Schweizer Bauernhauses verwen- det wurden.»120 Es sei beigefügt, dass das erste «Tirolerhaus» er- wiesenermassen im Wienerwald gebaut wurde. In Tirol selbst gab und gibt es kein «Tirolerhaus», sondern eine breite Hauslandschaft mit regional- typischen Merkmalen. 348
        

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