GUSTAV RITTER VON NEUMANN FLORIN FRICK Heimatstil Neben dem Historismus, der in seinen «Stilattitü- den» nur höhere Bauaufgaben betraf, ist ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts im nicht- städtischen Raum eine weitere, interessante Ent- wicklung, der Heimatstil, zu beobachten. Dieser betraf jedoch weniger die ländliche, bäuerliche Ar- chitektur, sondern vielmehr die Art, wie Städter auf dem Lande bauten. Friedrich Achleitner schrieb in seinem Artikel «Über das Verhältnis von Bauen und Landschaft»: «Wenn man einmal von den aristokratischen Vor- läufern in den Landschaftsgärten des 18. und 19. Jahrhunderts absieht, so ist der sogenannte Heimatstil ein Phänomen des liberalen und natio- nalen Grossbürgertums... Er war Teil eines Ver- haltens gegenüber der bäuerlichen Welt, die man als Szenerie für die eigenen Lustbarkeiten be- nutzte. Anzengruber-Dialekt, Lederhose und alpi- nes Landhaus gaben die Garantie, dass man in  war, in der man sich mit Kind, Kegel und Gesinde entsprechend städtisch einrich- tete. Architekten und Baumeister reagierten auf die Nachfrage mit einem Laubsägestil, der sich vom Semmering bis St. Moritz mit Elan an die Ausbeu- tung bäuerlicher Motive machte, wobei der Ge- sichtskreis bis England und in die Türkei erweitert wurde.»111 Aus kunstgeschichtlicher Sicht leitet Renate Wag- ner-Rieger den Heimatstil aus den ähnlichen Ur- sprüngen wie den Historismus her: «Das ausge- sprochen patriotische Moment, welches für den Neubarock österreichischer Prägung (ab 1880, Anm. d. Verf.) so bezeichnend ist, bildete eine wichtige Voraussetzung für die Richtung , die einen Weg aus der  Kunstanschauung suchte und dabei auf ein stark gefühlsbetontes Moment verwiesen wurde. Wie in der Literatur . . . gegen Ende des 19. Jahrhunderts die dekadenten Grossstadtbewohner durch kraft- volle, naturverbundene Menschen verdrängt wer- den, wie sich das Interesse für Stammeseigentüm- lichkeiten regt und das Eigentümliche der  gesucht wird, so tauchen auch im Bereich der bildenden Kunst die Begriffe Heimatschutz und Heimatkunst auf, die ihre wertvollste Auswirkung 
im Bereich der Denkmalpflege finden sollten. In der Architektur breitet sich in dieser romantisch- manieristischen Phase, die auch einen neuen Blick für die Natur gewann, ein floraler Dekor von gröss- tem Realismus, ein