Dienerinnen des heiligsten Herzens Jesu» in der Landstrasser Hauptstrasse, Wien III, sind im Rah- men der gründerzeitlichen Stadterweiterung ent- standen. Zum Verständnis dieser Bauten bzw. deren stilisti- scher Entwicklung ist es erforderlich, diese im Kontext der Wiener Kirchenbauten im ausgehen- den letzten Jahrhundert wie auch der damaligen Geisteshaltung zu sehen. Der katholische Kirchenbau des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist im Zusammenhang mit dem Antimodernismus zu sehen. Die dabei zu Tage tre- tenden Geisteshaltungen sind jener des Historis- mus in der Architektur und bildenden Kunst über- raschend ähnlich. Im Philosophischen Wörterbuch wird Modernis- mus wie folgt definiert: «Die durch Pius X. in der Enzyklika Pascendi domi- nici gregis (1907) verurteilte katholische theolo- gisch-philosophische Erneuerungsbewegung, die um die Jahrhundertwende den Katholizismus mit der modernen Kultur versöhnen wollte... Der Mo- dernismus entstand auf Grund der tiefen Wider- sprüche, die sich zwischen dem Katholizismus und der modernen Entwicklung auf sozialem, politi- schem, kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet vor allem im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahr- hunderts herausgebildet hatten. Die Modernisten wollten diese Widersprüche lösen, indem sie durch Reformen den Katholizismus an die neuere Ent- wicklung anzupassen versuchten. Ideengeschichtlich setzt der Modernismus die viel- fältigen Reformbestrebungen fort, die die Entwick- lung des Katholizismus in den letzten Jahrhunder- ten beständig begleiten. Solche Bestrebungen wa- ren im 17. und 18. Jahrhundert der Jansenismus, die Lehre des Febronius, der Gallikanismus, der Josephinismus, im 19. Jahrhundert die Lehren der katholischen Tübinger Schule sowie der Hermesia- nismus und Güntherianismus, die beide unter dem Einfluss der neueren bürgerlichen Philosophie nach einer weltanschaulichen Neubegründung des katholischen Glaubens strebten. Da jedoch die ka- tholische Kirche diese Bestrebungen zurückwies und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit ausser-ordentlicher 
Schroffheit gegen die fortschreitende Entwicklung sperrte, wurden die Widersprüche zwischen dem Katholizismus und der modernen Kultur nicht gemildert, sondern laufend weiter ver- schärft. Seinen Ausdruck fand dies vor allem in den Beschlüssen des Vatikanischen Konzils von 1870, die unverhüllt die Ablehnung gegenüber dem fort- schrittlichen Geist des Jahrhunderts zum Ausdruck brachten, entgegen allen demokratischen Bestre- bungen den kurialen Zentralismus verstärkten (In- fallibilitätserklärung), im ganzen den Katholizis- mus auf seine mittelalterliche Form festlegten und vor allem die Scholastik zur Philosophie der katho- lischen Kirche erklärten... Im besonderen waren es zwei Motive, die der um die Jahrhundertwende machtvoll sich ausbreiten- den modernistischen Rebellion zugrunde lagen: 1. Die Modernisten wandten sich gegen die Ver- äusserlichung des religiösen Lebens. Sie traten auf gegen die intellektuell-dogmatischen und institutio- nellen Überwucherungen des religiösen Lebens, gegen die Beförderung abergläubischer Devotion, die Begünstigung des Reliquien- und Mirakelwe- sens (heiliger Rock von Trier, Lourdes) sowie gegen den politischen Missbrauch der Religion. Nach ih- rer Ansicht zeugte dies von erheblichem Schwund echter innerer Religiosität und Herzensfrömmig- keit, ohne die aber die Religion verkümmern müs- se. Für die Modernisten ergab sich hieraus die For- derung, alles zu tun, damit die Religion wieder zu etwas ganz Persönlichem werde. 2. Nicht weniger deutlich empfanden die Moderni- sten den offenkundigen Widerspruch zwischen den Dogmen ihrer Kirche und den Ergebnissen der fortschreitenden Wissenschaft. Sie waren sich des- sen bewusst, dass die grossen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, vor allem die Entwicklungslehre und die Durchsetzung der historischen Denkweise, die Schwierigkeiten erheblich vermehrt hatten und dass die scholastische Philosophie im ganzen kein geeignetes Mittel mehr sein konnte, diese Schwie- rigkeiten aus dem Weg zu räumen. Die Moderni- sten waren vielmehr überzeugt, dass das Festhal- ten an der Scholastik den Katholizismus nur um seinen Kredit in der wissenschaftlichen Welt brin- 320
        

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