manden vorstellt, der eigentlich lieber das Original haben wollte, das originale Werk oder den origina- len Stil, oder der eigentlich lieber einen eigenen Stil erschaffen würde, und der nur deshalb, weil er das Original nicht bekommen kann, den Historismus anwendet. Nein, der historische Künstler will die historischen Stile wie Kostbarkeiten, wie Reliquien sammeln und zur Geltung bringen. Daher ist nicht derjenige im strengen Sinn ein Historist, der partei- lich einem bestimmten Stil huldigt, also nicht der eingeschworene Klassizist Klenze, oder der einge- schworene Gotizist Reichensperger. Dagegen ganz echte Historisten sind Ludwig I. von Bayern und Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, der grösste hi- storische Bauherr überhaupt, hat eine mittlere deutsche Residenz durch seinen Historismus zu ei- ner Kunst-Hauptstadt des 19. Jahrhunderts ge- macht. Der Historismus sucht nicht einfach das Verhältnis zu einem Bildwerk, zu einer künstlerischen Form der Vergangenheit, die es schon einmal gegeben hat. Sondern: zunächst ist der Historismus von ei- nem literarischen Ruhm der vergangenen Zeit be- rührt, dann zu einer vorgefassten, vorgenormten Hinneigung zu diesem goldenen Zeitalter erwärmt, und erst dann ist der bildkünstlerische, der archi- tektonische Historismus bereit, auch das bildkünst- lerische Urbild zu untersuchen. Es ist eine Aneig- nung nach einem literarischen Konzept.» Onsell kommt zur These: «Jedem der drei Haupt- Ismen dieser Zeit (19. Jahrhundert, Anm. d. Verf.) - Renaissancismus, Gotizismus und Klassizismus - entspricht ein eindeutig definierbarer gesellschaft- lich-politischer Ismus. Die Vielfalt der Stilformen im 19. Jahrhundert spiegelt dessen pluralistische Ge- sellschaft nicht nur vage, sondern ganz präzise wi- der.»59 Gerade anhand der eher zweifelhaften The- se, dass die Architektur einer bestimmten Zeit die gesellschaftlichen Bedingungen spiegelt, unter de- nen sie entstanden ist, zeigt sich, dass die «Stil- frage» des von der Aufklärung und industrieller Re- volution geprägten 19. wie auch des 20. Jahrhun- derts nicht mehr mit jener vergangenen Epoche vergleichbar ist, da sich die gesellschaftlichen Grundstrukturen nahezu gänzlich verändert haben. 
Jürgen Habermas kritisierte 1981 den neu entdeck- ten Historismus deutlich: «Die gegenwärtige Dis- kussion über die  einbeziehen. Dieser in einer Umkeh- rung der Begriffe als  bezeichneten Auffassung steht ein neuer Regionalismus in Ab- lehnung des internationalen Stils> zur Seite.»60 Man vergleiche hierzu die «Heimatstilbewegung» des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ergänzend auch Charles Jencks in «Die Sprache der postmo- dernen Architektur»: «Der Fehler der modernen Architektur war, dass sie sich an eine Elite richtete. Die Postmoderne versucht, den Anspruch des Elitä- ren zu überwinden, nicht durch Aufgabe dessel- ben, sondern durch Erweiterung der Sprache der Architektur in verschiedene Richtungen - zum Bo- denständigen, zur Überlieferung und zum kom- merziellen Jargon der Strasse. Daher die Doppel- kodierung, die Architektur, welche die Elite und den Mann auf der Strasse anspricht.»61 314
        

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