GUSTAV RITTER VON NEUMANN FLORIN FRICK rand sinngemäss, dass die Bauformen nicht so sehr von der Natur der Dinge bestimmt würden, so dass nichts hinzugefügt oder weggenommen werden könne, infolgedessen bestehe kein Hindernis, sie unter Zuhilfenahme von Formen des zweiten Typs, die den antiken Bauten entnommen und allein durch die Gewohnheit gerechtfertigt seien, festzu- legen; und da sich diese Formen in den griechi- schen Bauten, wie die Römer und nach ihnen die jungen Völker Europas sie nachahmten, erheblich voneinander unterschieden, stehe es uns frei, unter ihnen diejenigen Formen und Proportionen zu wählen, die wegen ihrer Schlichtheit am meisten dazu angetan seien, die Augen und den Geist zu be- friedigen und der Wirtschaftlichkeit der Bauten zu dienen: Auf diese Weise würde eine Art Auslese un- ter den überlieferten Formen vollzogen, wobei den einfachsten, allgemeingültigsten der Vorzug gege- ben werde. Daraus folge, dass die Architekten sich der klassischen Formen zwar bedienten, sich aber so wenig wie möglich von ihnen beeinflussen Hes- sen. Max Onsell weist aber noch auf einen weiteren Aspekt: «Die Stärke der Klassizisten beruht aber eben darauf, dass sie die wirkliche Antike nicht in- teressiert. Sie sind die ersten, die sich ganz be- wusst vom historischen Vorbild frei machen, bes- ser gesagt, das historische Vorbild nach ihren eige- nen Wünschen erfinden, sich einen  schaf- fen. Das reine Weiss ist die moderne Farbe schlechthin. Der Klassizismus ist ein synthetischer Stil, so wie ja auch Weiss die Synthese aus allen Re- genbogenfarben ist.»46 Onsell spielt hier auf das sture Festhalten der Meinung der Klassizisten an, dass Weiss die Farbe der Antike gewesen wäre, wenngleich die Polychromie der griechischen Tem- pel seit etwa 1825 bzw. 1834 bekannt war. Eine andere Wurzel des Historismus findet sich in der «Neugotik», ein Begriff, der verschiedenste Strömungen umfasst. Onsell schreibt hierzu: «Um 1800 ist die Baukunst klassizistisch. Klassizismus beherrscht so gut Europa wie seine überseeischen Provinzen. Klassizismus ist für alle da, für Kaiser und Könige, Unabhängigkeitskämpfer und Neger- sklaven. Ein kosmopolitischer Stil. Wo sich dage-gen 
regionale Strömungen Geltung verschaffen, da hält man von der Architektur der alten Griechen nicht viel. Das Regionale schöpft aus den Quellen vermeintlicher Volkskunst, aus Märchen, Sagen und Liedern, die im Mittelalter entstanden sein sol- len, zu einer Zeit, als das Volk offenbar noch stark und gross war und seinen eigenen Stil hatte. Und so, wie die Vielfalt der antiken Formen in dem einen faden Klassizismus zusammengefasst wer- den, so wird die Vielfalt mittelalterlicher Formen auf eine einzige Formensprache reduziert: die Neu- gotik.» Sie ist «bis heute Symbol für Nationales und Regionales geblieben».47 «.. .im Gegensatz zu Semper, der Gotik für etwas Vollendetes, Abgeschlossenes und Neugotik für un- schöpferische Kopie hält, ist Viollet-le-Duc der An- sicht, jedes Jahrhundert sei aufgerufen, seine spe- zifische Gotik zu entwickeln, gemäss seinem ästhe- tischen und technologischen Standort.. .Wenn man überhaupt unterscheiden kann zwischen einer Nachgotik im 16., 17. und 18. Jahrhundert und ei- ner Neugotik im 19. Jahrhundert, dann nicht auf Grund einer zeitlichen Zäsur, einer Pause, in der die gotische Baukunst vergessen gewesen wäre, sondern nur auf Grund der veränderten Vorstellun- gen über das, was gotisches Bauen leistet. Solange nämlich die klassische Repräsentationsarchitektur das Ideal ist, wird Gotisches wie alles andere dazu gebraucht, repräsentative Bekleidungsdekoration 39) Pevsner, Nikolaus: Die Wiederkehr des Historismus. In: Grote. S. 116. 40) Pevsner, Nikolaus: Nachwort. In: Grote. S. 107. 41) Evers, Hans Gerhard: Historismus. In: Grote. S. 33. 42) Vogt, Max Adolf: Architektur. In: 19. Jahrhundert - Belser Stilgeschichte im dtv. München. 1978. Bd. 10, S. 22. 43) Pevsner, Nikolaus: Möglichkeiten und Aspekte. In: Grote. S. 19. 44) Vogt, Max Adolf: Europa baut und malt seine Geschichte. In: Belser Stilgeschichte. S. 8. 45) Vogt, Max Adolf: Architekten. In: Belser Stilgeschichte. S. 38-39. 46) Onsell, Max: Ausdruck und Wirklichkeit: Versuch über den Historismus in der Baukunst. Braunschweig, 1981, S. 65. 47) a.a.O., S. 25. 311
        

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